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Übergriffe in Köln
Polizei schützte Frauen zu spät

Übergriffe in Köln: Polizei schützte Frauen zu spät
Jagdszenen am Silvesterabend vor dem Kölner Hauptbahnhof. Mehrere hundert Männer haben sich zusammengerottet und offensichtlich Frauen in übler Form sexuell belästigt. Ein Amateur-Filmer stellte diese Aufnahme ins Internet. FOTO: Screenshot:Youtube
Köln. Erst nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht eskortierte die Polizei Frauen auf dem Weg zum Kölner Hauptbahnhof. Am Dienstagabend gab es eine Demo gegen Sexismus. Für Karneval gibt es ein strenges Sicherheitskonzept. Von Stefani Geilhausen und Christian Schwerdtfeger

Wie schaukelte sich die Lage hoch?

Auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofes und der Domplatte hatten sich schon früh am Silvesterabend Gruppen junger Männer versammelt. Im Verlauf des Abends wuchs die Gruppe auf mehr als 1000 Personen an. Nach Angaben der Polizei war die Stimmung von Anfang an sehr aggressiv. Die meisten Männer waren stark alkoholisiert, zeigten den zunächst noch wenigen anwesenden Polizisten gegenüber keinen Respekt. In Augenzeugenvideos ist zu hören, dass stattdessen offen zur Randale aufgerufen wurde. Passanten wurden mit Böllern und mit Feuerwerksraketen beschossen. Auch Flaschen flogen. Wer zum Hauptbahnhof hin oder von dort zu Fuß weg wollte, musste durch die aufgebrachte Menge. Die Opfer wurden ab 23 Uhr eingekreist.

Wie hat die Polizei reagiert? Sie hat auf jeden Fall viel zu spät den Ernst der Lage erkannt. Erst als die Lage schon eskaliert war, wurden alle in der Silvesternacht zur Verfügung stehenden Einsatzkräfte zum Hauptbahnhof kommandiert. Anfangs waren zu wenige Polizisten auf dem Bahnhofsvorplatz und der Domplatte - obwohl der Bereich als neuralgischer Punkt an Silvester seit Jahren bekannt ist. Als man merkte, dass man die Situation nicht unter Kontrolle bringen konnte, wurden Bereiche um den Haupteingang gesperrt. "Das war schon schwierig und hat den Kollegen viel abverlangt", so Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers. Seine Beamten versäumten es aber anschließend offenbar zu schauen, wo die aggressiven Männer hingingen. So bekamen die Beamten auch nicht die massiven sexuellen Übergriffe mit. Erst gegen 0.45 Uhr wurde der Polizei allmählich bewusst, dass es Angriffe auf Frauen gegeben hat. "Wir haben daraufhin Frauen, die zum Hauptbahnhof wollten, über die Gefahr informiert, sie beschützt und und zur Tür des Hauptbahnhofes gebracht. Ab da war dann die Bundespolizei zuständig", sagte Albers.

Was schildern Betroffene?

Eine Verkäuferin aus dem Kölner Hauptbahnhof, die kurz vor Mitternacht die Bahnhofshalle verlassen wollte, berichtete von einer unkontrollierten Menschenmenge. "Ich bin das Chaos gewohnt, das kenne ich aus dem Karneval." Eine so eskalierende Stimmung habe sie aber noch nie erlebt. "Das war eine enthemmte Meute", so beschreibt sie die Gruppe auf dem Vorplatz. Kleinere Gruppen hätten sich gebildet, es sei geschubst und randaliert worden. Frauen berichten, sie seien begrapscht worden, manche so brutal, dass sie blaue Flecken an Gesäß und Brust hätten. Die Polizei ermittelt sogar wegen einer Vergewaltigung, wie Polizeipräsident Albers betonte, "im rechtlichen Sinn". Per Definition bedeutet das eine Penetration. So berichten Opfer zum Beispiel, sie hätten die Hände der Männer im Intimbereich gespürt.

Sind die Personen polizeibekannt?

Laut Rüdiger Thust, Vorsitzender des Bezirksverbands Köln des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, seien inzwischen "nordafrikanische/arabische Straftäter nahezu arbeitstäglich bei zahlreichen Delikten (Taschen- und Trickdiebstahl, Raub, Wohnungseinbruch, Kfz-Aufbruch) mit steigender Tendenz anzutreffen". Deshalb fordert er eine Sicherheitskonferenz für Köln, um die Stadt für Straftäter unattraktiver zu machen. Diese Idee unterstützt auch der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Börschel. "Die Bundespolizei muss ihre Präsenz erhöhen, alle Beteiligten müssen sich kontinuierlich abstimmen; dazu sollte die Sicherheitskonferenz wiederbelebt werden." Einem internen Bericht der Düsseldorfer Polizei zufolge, kommen Nordafrikaner aus dem gesamten Bundesgebiet nach Düsseldorf, um in der Stadt gezielt auf Diebestour zu gehen.

Gab es auch woanders Übergriffe?

Die Düsseldorfer Polizei ermittelt in vier Fällen von Straftaten, die an Silvester von größeren Gruppen begangen worden sind. Es geht um Taschendiebstahl, Handtaschenraub und auch um sexuelle Belästigung. Die Dimension sei nicht mit der von Köln vergleichbar, sagte ein Sprecher. Gleichwohl war auch in der Düsseldorfer Altstadt aufgefallen, dass an Silvester mehrere, teils hochaggressive Männer unterwegs waren, die zu einem erhöhten Einsatzaufkommen für die Polizei beigetragen hatten. Dass es sich bei diesen Männern um Nordafrikaner gehandelt hat, wird auf Nachfrage bestätigt. Bereits seit einigen Jahren ist auf dem Burgplatz und den darunter liegenden Kasematten die Silvesterstimmung durch Aggressivität gekennzeichnet, auch in diesem Jahr klagten Besucher über gefährliche Spielereien mit Feuerwerkskörpern, die sinnlos in die Menge geschossen oder angezündet geworfen werden. Mehrere junge Frauen berichteten in sozialen Netzwerken, sie seien im Gedränge mehrfach in eindeutiger sexueller Absicht angefasst worden. Anzeigen wurden aber nicht erstattet. Die Polizei schließt nicht aus, dass sich nach der Berichterstattung über die Ereignisse in Köln auch in Düsseldorf Geschädigte melden. Auch aus Stuttgart und Hamburg wurden ähnliche Übergriffe gemeldet. "Wir müssen genau untersuchen, ob , ob es sich um einmalige Übergriffe oder um eine bundesweite Entwicklung handelt", sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger unserer Redaktion.

Welche Konsequenzen haben die Ereignisse für Karneval? An den Karnevalstagen , soll in Köln die Polizeipräsenz massiv erhöht werden. Auch sollen mobile Videoanlagen eingesetzt werden. Zudem wird derzeit geprüft, ob für Straftäter wie Taschendiebe ein Platzverbot ausgesprochen werden kann. Ebenso wichtig sei es aber, "dass wir uns das Karnevalfeiern in Köln nicht nehmen lassen", sagte OB Reker. Die Düsseldorfer Polizei sieht derzeit noch keinen Handlungsbedarf. Man werde die Ermittlungsergebnisse der Kölner Kollegen prüfen, mit eigenen Erfahrungen von Silvester auswerten und überlegen, ob das ohnehin ausgefeilte Sicherheitskonzept angepasst werden muss.

Quelle: RP
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