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Übergriffe in Köln
Warum uns die #Aufschrei-Debatte nicht weiterbringt

Übergriffe in Köln: Warum uns die #Aufschrei-Debatte nicht weiterbringt
Am Kölner Bahnhof kam es in der Silvesternacht massenhaft zu Übergriffen gegen Frauen. FOTO: dpa, obe kno
Köln. Nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen am Silvesterabend in Köln sind die Sexismus-Debatte und der Fall Brüderle plötzlich wieder Thema. Diejenigen, die sich beschweren, dass der #Aufschrei diesmal nicht groß genug sei, vermischen zwei Probleme, die wenig miteinander zu tun haben. Von Judith Conrady

Natürlich ist es schlimm, Frauen gegen ihren Willen die Kleider vom Leib zu reißen, sie an die Brüste oder in den Schritt zu fassen. Das ist so klar, dass ein Satz wie dieser schon beinahe absurd klingt. Natürlich müssen die Täter bestraft werden, und natürlich lässt sich sexuelle Gewalt gegen Frauen nicht mit dem Verweis auf kulturelle Hintergründe relativieren.

Den meisten, die jetzt einen neuen, viel lauteren #Aufschrei fordern als damals im Fall Brüderle, geht es aber nicht um Feminismus (in diesem Verdacht stehen Menschen wie Birgit Kelle ohnehin nicht) oder Frauenrechte.

Stattdessen schwingt in der Forderung nach einem neuen Aufschrei oft eine besserwisserische Feststellung mit: Diejenigen, die den Fall Brüderle damals als Präzedenzfall für ein echtes, großes Problem sahen, haben sich irgendwie doch bloß angestellt. Seht her: Das sind echte Probleme, angesichts derer man übers In-den-Ausschnitt-Gucken nur lachen kann. Hab ich euch doch damals schon gesagt.

Presse: "Wer das Recht so verhöhnt, muss ausgewiesen werden" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Wer so argumentiert, vermischt zwei Fragen, die sehr wenig miteinander zu tun haben - weil es ihm politisch gerade in den Kram passt oder aus welchen Gründen auch immer. Bei der #Aufschrei-Bewegung ging es ja eben nicht um strafrechtlich relevante sexuelle Belästigung, sondern um Fragen wie: Wo fangen die Probleme eigentlich an? Ab wann hat eine Frau das Recht, sich ernsthaft belästigt zu fühlen? Es ging um eine Grauzone, die Lichtjahre von dem entfernt ist, was am Kölner Hauptbahnhof passiert ist. In der Silvesternacht in Köln gab es keine Graustufen. Und deshalb gibt es über die Selbstverständlichkeit, dass solche Dinge nicht passieren dürfen, auch wenig zu diskutieren. Es steht jedem frei, zu versichern, wie sehr ihn die Übergriffe in Köln abstoßen. Jedem, der es nicht tut, unterstelle ich erst einmal, dass er diese Bewertung für so selbstverständlich hält, dass er sie nicht kundtun muss.

Natürlich müssen Frauen vor sexueller Gewalt geschützt werden, immer. Wer so sozialisiert ist, dass er es in Ordnung findet, Frauen zu missbrauchen, darf damit nicht durchkommen, in Deutschland nicht und übrigens auch nirgendwo sonst auf der Welt. Natürlich müssen alle gesetzlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um solche Taten zu verhindern.

Sicherzustellen, dass Frauen keine Gewalt erleben müssen, ist genauso wichtig wie schwierig. Sexistische Tendenzen, wie sie im Rahmen der #Aufschrei-Debatte diskutiert wurden, zu relativieren, hilft ganz sicher niemanden.

(jco)
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