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Übergriffe in Köln
Zahl der Anzeigen steigt auf 90

Übergriffe in Köln: Zahl der Anzeigen steigt auf insgesamt 90
Nach den Übergriffen auf Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht ist die Zahl der Anzeigen auf 90 gestiegen. FOTO: dpa, obe pil
Köln. Nach den massiven Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof ist die Zahl der Anzeigen, die bei der Kölner Polizei eingegangen sind, um weitere 30 auf insgesamt 90 gestiegen.

Das sagte ein Sprecher der Kölner Polizei der Deutschen Presseagentur. Bis Montag waren 60 Anzeigen von 80 Geschädigten eingegangen. Ein Viertel der Delikte steht im Zusammenhang mit sexuellen Übergriffen, oft in Kombination mit Diebstahl. Polizeipräsident Wolfgang Albers ging bereits am Montag davon aus, dass es weitere Geschädigte gebe, die sich noch nicht bei der Polizei gemeldet haben.

In der Silvesternacht waren am Kölner Hauptbahnhof Dutzende Frauen von Männergruppen eingekreist, sexuell belästigt und beraubt worden. Die Täter werden als "nordafrikanisch aussehend" beschrieben. Weitere Hinweise zu den Tätern gibt es bislang nicht, sagte Albers.

Krisentreffen bei Reker

Am Dienstagvormittag treffen sich in Köln Polizei und Bundespolizei bei Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Bei der Krisensitzung sollen Sicherheitskonzepte erarbeitet werden – auch im Hinblick auf den nahenden Straßenkarneval – um Übergriffe wie den in der Silvesternacht in Zukunft zu verhindern.

Reker will Entschlossenheit demonstrieren. "Die Oberbürgermeisterin kann und wird nicht akzeptieren, dass sich hier ein rechtsfreier Raum bildet", sagte Stadtsprecher Gregor Timmer kurz vor dem Krisentreffen.

Anfang Februar werden zu Weiberfastnacht und Rosenmontag Hunderttausende Besucher in Köln erwartet. Reker habe deutlich gemacht, dass die Stadtspitze nicht zulassen werde, dass Menschen, die zu Veranstaltungen in die Domstadt kommen, Opfer von Übergriffen werden, betonte Timmer. In erster Linie sei die Polizei gefordert.
Nach dem Arbeitstreffen im Rathaus werde sich Reker voraussichtlich am Nachmittag zu den Ergebnissen äußern.

In der Silvesternacht hat es nicht nur in Köln, sondern auch auf der Großen Freiheit in Hamburg Übergriffe auf Frauen gegeben. Ein Sprecher der Hamburger Polizei bestätigte, dass die Täter dabei ähnlich vorgingen wie in Köln. Sie kreisten die Frauen ein, begrapschten und beraubten sie. Es gab mehrere Anzeigen. Ob die Kölner und die Hamburger Polizei nun gemeinsam ermitteln werden, ist noch unklar. "Die Beratungen laufen", sagte der Sprecher.

Bosbach: Innenausschuss soll tätig werden

Der NRW-Bundestagsabgeordnete und frühere Vorsitzende des Innenausschuss im Bundestag, Wolfgang Bosbach (CDU), hat eine Befassung des Bundestags mit den Gewalttaten gefordert. "Es wäre sinnvoll, wenn sich der Innenausschuss des Bundestags mit den Vorgängen in Köln in der Silvesternacht beschäftigen würde, weil der Bahnhof und das Bahnhofsgelände in der Verantwortung der Bundespolizei liegt", sagte Bosbach unserer Redaktion.  

Die Bundespolizei sei dort für Gefahrenabwehr und die Aufklärung von Straftaten verantwortlich. "Im Bahnhofsumfeld ist die Landespolizei NRW zuständig. Es stellen sich zwei Fragen: Hatten wir genügend Kräfte und wie läuft die Kooperation zwischen Bundespolizei und Landespolizei?"

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) fordert derweil einen besseren Schutz vor Gewalt in den Städten. "Die feigen und abscheulichen Übergriffe werden wir nicht hinnehmen", erklärte er am Dienstag in Berlin. "Das ist offenbar eine völlig neue Dimension organisierter Kriminalität." Alle Täter müssten ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden. "Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen in unseren Städten blanker Gewalt schutzlos ausgeliefert sind."

Kauder: "Schockierende Gewaltexzesse"

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) hat die "Gewaltexzesse"  als "schockierend" bezeichnet. "Die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden. So etwas darf sich in unserem Land an keinem Ort wiederholen, sagte Kauder unserer Redaktion. "Der Vorfall zeigt es wieder einmal, wie wichtig es ist, Orte, an denen eine hohe Kriminalität zu verzeichnen ist,  auch durch Videoaufzeichnungen zu überwachen", betonte Kauder.

Der Unionsfraktionschef bezeichnete die Krisensitzung in Köln als richtig, "um Konsequenzen aus dem Vorfall zu ziehen". Aber auch an anderen Orten in Deutschland müsse  mehr unternommen werden, um lange bekannte kriminelle Strukturen zu zerschlagen. "Es darf  keine Gegenden geben, wo nicht der Staat das Gesetz des Handelns bestimmt", forderte Kauder. Hier seien vor allem die Länder gefordert, die für die Polizei zuständig seien. Als Vorbild nannte Kauder den Bund. Dieser trage seinen Anteil an einer stärkeren Kriminalitätsbekämpfung. "So wird die Bundespolizei derzeit massiv aufgestockt. Daran sollten die Länder ein Beispiel nehmen."

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer forderte als Konsequenz verschärfte Sicherheitsvorkehrungen bei Menschenansammlungen gefordert. "Der Rechtsstaat muss mit allen Mitteln konsequent dafür sorgen, dass sich Frauen ohne Angst vor Übergriffen im öffentlichen Raum bewegen können", sagte Scheuer. "Daher fordere ich in Ballungszentren wie in Köln, Hamburg oder Stuttgart eine deutlich stärkere Polizeipräsenz an Brennpunkten, eine flächendeckende Videoüberwachung sowie unangekündigte Personenkontrollen bei Menschenansammlungen im öffentlichen Raum."

Es sei untragbar, dass Frauen in deutschen Großstädten nachts auf offener Straße, auf öffentlichen Plätzen von jungen Migranten sexuell traktiert und beraubt werden. "Das ist eine neue, abscheuliche Qualität von Gewalt." Wenn Asylbewerber oder Flüchtlinge solche Übergriffe begingen, sei das ein eklatanter Missbrauch des Gastrechts und könne nur ein sofortiges Ende des Aufenthalts in Deutschland zur Folge haben, sagte Scheuer. 

Mit Material von dpa.

(lsa)