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Freispruch für Rewe-Erpresser
"Ich bin nicht mehr auf die Füße gekommen"

Urteil in Köln: Freispruch für Rewe-Erpresser
FOTO: dpa, geb tmk
Er nannte sich Max Mustermann, drohte dem Rewe-Konzern in fünf Briefen und forderte 2,5 Millionen Euro. Wegen versuchter räuberischer Erpressung musste sich ein 65-Jähriger nun vor dem Kölner Landgericht verantworten – und wurde freigesprochen. Von Claudia Hauser, Köln

Aufmerksam verfolgt der Angeklagte Jürgen C. (Name geändert) den Prozess. Seine Hände liegen gefaltet auf dem Tisch, er spricht ruhig, ist eloquent. "Der Vorwurf trifft zu", sagt er, nachdem die Staatsanwältin die Anklage verlesen hat. "Ich war damals gerade aus der Haft entlassen und lebte in einer Obdachlosenunterkunft. Ich bin nicht mehr auf die Füße gekommen, wusste nicht, was ich tun soll."

Der 65-Jährige, der früher mal Chef eines Logistikunternehmens war, schrieb im November 2015 einen ersten Brief an die Rewe-Zentrale in Köln. Am 11.11. kam der im Unternehmen an. Im Schreiben wird dem Konzern damit gedroht, bundesweit Produkte mit unbrauchbaren Barcodes zu manipulieren, in weiteren Briefen kündigte Jürgen C. an, "Produkte mit Zusätzen" zu versehen. "Möglicherweise müssen Kunden in Krankenhäuser", heißt es in einem der Erpresserbriefe. Als Absender stand auf den Umschlägen: Max Mustermann, Musterstraße, Hamburg.

Er wurde observiert, ging aber nur Kaffee trinken

Der Angeklagte (l.) und sein Verteidiger Christian Lange im Kölner Landgericht FOTO: Hauser

Die fünf Briefe gingen in großen Zeitabständen bei Rewe ein. Der erste im November 2015, der letzte im März 2016. Alle waren höflich formuliert, die geforderte Summe von 2,5 Millionen Euro orientiere sich prozentual am Werbe-Etat des Unternehmens, so der Erpresser. "Wir möchten ihr Unternehmen nur gering schädigen, nicht ruinieren", schrieb er.

Er schickte einen Reiseplan, an den der Überbringer des Geldes sich halten möge – er sollte eine Zufahrt von Köln nach Stuttgart unternehmen, mit vielen Umwegen und Zwischenstationen. Irgendwo auf dieser Fahrt sollte dann die Übergabe über die Bühne gehen. Vorher hatte Jürgen C. den Konzern dazu aufgefordert, eine Handynummer in drei großen Tageszeitungen zu veröffentlichen, unter der er den Überbringer des Geldes erreichen könne. Tatsächlich erschienen die Anzeigen – allerdings war es eine Mobilnummer der Polizei. Eine Ermittlungsgruppe hatte den Fall übernommen. Jürgen C. sagt: "Ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass eine Anzeige mit einer Nummer veröffentlicht wird."

Firma weg, Sohn gestorben

Am 11. März sollte es schließlich zur Geldübergabe kommen. Doch Jürgen C. hatte es sich anders überlegt. "Ich hatte eine Wohnung und damit wieder eine Perspektive für mein Leben", sagt er. Also schaltete er sein Handy aus und ging am Tag der Geldübergabe sein Auto waschen und einen Freund besuchen. Die Nachrichten der Polizei auf das Handy, mit der Bitte um weitere Anweisungen, liefen ins Leere. Was Jürgen C. nicht wusste: Zivilfahnder observierten ihn an jenem Tag, wollten ihn bei der Übergabe festnehmen. Doch Jürgen C. ging einkaufen und Kaffee trinken. Am Abend des 11. März nahmen sie ihn fest, sicherten Beweise in seiner Wohnung.

Da die Erpressung im Versuchsstadium steckengeblieben ist, sprach die Vorsitzende Richterin den 65-Jährigen frei. Die Briefe wertete die Kammer zwar als "ersten Akt einer Erpressung", da Jürgen C. aber aus eigener Motivation vom Versuch zurückgetreten ist, ist er nun ein freier Mann und wird für die Zeit in der Untersuchungshaft entschädigt. Die Staatsanwaltschaft sah das anders: Sie hatte eine Geldstrafe von 1500 Euro gefordert, weil der Angeklagte sich zumindest der vollendeten Nötigung schuldig gemacht habe.

Jürgen C., dessen Leben nach Angaben eines Ermittlers aus den Fugen geraten war, weil er seine Firma verloren hat und sein Sohn tödlich verunglückt ist, saß schon insgesamt sechs Jahre im Gefängnis, weil er 2009 in Bensheim eine Bank überfallen und 190.000 Euro erbeutet hat. Auch damals war er schon obdachlos. Als die Polizei ihn festnahm, hatte er sämtliche Tickets für eine Flucht ins Ausland schon in der Tasche.

 
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