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Jubiläum
Vom Kinosaal zum Kultclub

Jubiläum: Vom Kinosaal zum Kultclub
Kinoliebhaber C.M. Sierp war im zarten Alter von fünf Jahren zum ersten Mal im Gloria. FOTO: Stephan Eppinger
Köln. Das Gloria an der Apostelnstraße feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen. Man blickt auf eine sehr bewegte Geschichte zurück.

Die Geschichte des heutigen Kultclubs Gloria an der Apostelnstraße begann Mitte der 50er Jahre ziemlich bieder. Im neu eröffneten Kino wurde die "Verlobung am Wolfgangsee" gezeigt. Es folgten bekannte Streifen wie "Manche mögen's heiß" oder "Frühstück bei Tiffany", das dem Gloria Rekordeinnahmen einbringt - bei Kartenpreisen zwischen 1,80 und 3,50 Mark.

Schauspielerin Ursula Michelis kann sich an ihren ersten Film im Gloria noch gut erinnern: "Das war Anfang der 60er Jahre 'Unter zehn Flaggen', da trug eine Darstellerin einen sehr spitzen BH. Der sah eher aus wie ein Düsenjäger und nicht wie ein Kleidungsstück. Oft haben wir die Schule geschwänzt und sind ins Kino gegangen. Vorstellungen gab es bereits morgens. Die meisten Filme waren ab 18, da mussten wir uns am Kartenhäuschen schon in die Höhe recken."

Auch Medienmuseum-Initiator und Kinoliebhaber C.M. Sierp kann sich an seine ersten Kinobesuche erinnern: "Da war ich fünf und bin sonntags mit meinem Großvater ins Gloria. Der erste Film 1962 war schrecklich, aber es war der einzige, in den man ab sechs reingehen durfte. Damals gab es noch 81 Kinos in Köln, heute sind es in der Innenstadt noch etwa zehn mit 30 Sälen."

Ende der 60er Jahre darf es auf der Leinwand schon etwas heißer hergehen. Zunächst dominieren Aufklärungsfilme wie Oswalt Kolles "Die Frau, das unbekannte Wesen", später folgen Streifen wie der "Schulmädchenreport". Mitte der 70er Jahre wird das Angebot im Gloria zunehmend pornografisch. Im Bundestag wird darüber diskutiert, was im Kino erlaubt ist. "Nicht erlaubt war, Eintritt zu nehmen. Die Leute haben sich an der Kasse eine Schachtel Pralinen gekauft und dann umsonst den Film geschaut", berichtet Filmproduzent Mike Hunter, der etwa 1000 Pornostreifen in seiner Laufbahn produziert hat.

Zeitgleich müssen immer mehr deutsche Kinos aufgeben, weil sich das Fernsehen durchsetzt. Auch das Gloria hat Probleme. Es wird überlegt, das Gebäude abzureißen und dafür eine Passage zu bauen. Doch die neuen Betreiber Rainer Büchel und Stephan Dick treten an der Apostelnstraße an und machen aus dem alten Kino den Treffpunkt für die schwul-lesbische Community in Köln. Es gibt wilde Schaumpartys, Schlagerevents und eine Liveübertragung des Eurovision Song Contest.

Das Puppentheater nach Ralf Königs "Kondom des Grauens", unter der Regie von Claus Vincon feiert im Gloria Premiere und zieht danach durch ganz Deutschland. Auch die "Rosa Sitzung" wird ab 1995 mit "Kölle Aloha" ein Hit. "Das war hoch politisch und in Sachen Emanzipation vielleicht wichtiger als der CSD", sagt Bernd von Fehrn. Sogar der Festkomiteepräsident und das Dreigestirn kommen ins Gloria. Dort outet sich ein Jahr später der damalige Düsseldorfer Prinz Peter und gibt zu: "Ich han ene kölsche Jung".

Bekannt wird das Gloria außerdem durch die Szenen, die für den Kultfilm "Der bewegte Mann" mit Til Schweiger in dem plüschigen Theatersaal des Klubs gedreht werden. Regelmäßig zeichnet der WDR bis heute im Gloria Sendungen wie "Ladies Night", "Dinner for one - op Kölsch" oder den "Rockpalast" auf. Außerdem entdeckt die Comedy-Szene das alte Filmtheater für sich. Dort startet 1991 das Internationale Köln Comedy Festival. 2000 gibt es den nächsten Wendepunkt im Gloria. Die neu gegründete Gastro-Event GmbH übernimmt die Location, renoviert diese und zeigt im September 2001 Walt Bockmeyers Revue "Wer Liebe sucht". Seit 2004 leiten Michael Zscharnack, der als technischer Leiter im Gloria beginnt, und Claudia Wedell den angesagten Klub. "Wir haben die Vision, unseren Gästen ein Zuhause für einen Tag zu bieten, unseren Künstlern die Möglichkeit zu geben, unter würdigen Bedingungen zu spielen und sich dabei wohlzufühlen", sagt Geschäftsführer Michael Zscharnack.

Stephan Eppinger

Quelle: RP
 
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