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Ein Streetworker berichtet
Warum so viele Flüchtlinge Silvester nach Köln kamen

Polizei-Großeinsatz zu Silvester 2016 in Köln
Polizei-Großeinsatz zu Silvester 2016 in Köln FOTO: Arton Krasniqi
Düsseldorf. Franco Clemens hat eine Flüchtlingseinrichtung geleitet und arbeitet als Streetworker im sogenannten Maghreb-Viertel in Düsseldorf. In einem Gastbeitrag erklärt er, weshalb es nordafrikanische Flüchtlinge immer wieder in die großen Städte zieht. Von Franco Clemens

Der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies hat sich kürzlich öffentlich darüber gewundert, warum wieder so viele Menschen aus den Maghreb-Staaten zu Silvester nach Köln gekommen sind. Deshalb habe ich unter den marokkanischen Flüchtlingen, aber auch unter den Alteingesessenen im so genannten Maghreb-Viertel in Düsseldorf nachgefragt, aber auch mal einige meiner alten Kontakte zu Flüchtlingen aufgewärmt, von denen ich allein 800 ein Dreivierteljahr pädagogisch betreut habe. Angereichert mit den praktischen Erfahrungen als ehemaliger Leiter einer Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge kann ich deshalb ein paar kurze Antworten darauf liefern. Allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder mit den Ansprüchen einer repräsentativen empirischen Studie.

Franco Clemens arbeitet als Streetworker in Düsseldorf. FOTO: Rheinflanke gGmbH

Viele Flüchtlinge kennen sich bereits aus den Bundescamps und später aus den Erstaufnahme-Einrichtungen in NRW. Danach sind sie auf unterschiedliche Kommunen in NRW als Kontingentflüchtlinge verteilt worden. Viele davon in ganz kleine Kommunen in der Nähe der großen Städte, oder auch irgendwo in die tiefste Provinz. Seit dieser Zeit sind sehr viele über Facebook und andere soziale Netzwerke vernetzt. Viele waren auch schon auf der Flucht gut vernetzt, weil sie in großen Gruppen geflohen und Richtung Deutschland marschiert sind.

Zu Silvester traf man sich dann mal wieder zu einem besonderen Anlass in den größeren Städten, reiste aus den umliegenden Kommunen an, weil in den Städten eben ein entsprechendes kulturelles Angebot ist. Auch hat die Zusammenführung von Familien und Bekannten in den Kommunen nicht so geklappt, wie es wünschenswert wäre. In unserem Teil von NRW sind die wichtigsten Anlaufadressen Düsseldorf und Köln.

In Düsseldorf gibt es bereits eine sehr große, alteingesessene Community von Nordafrikanern als Anlaufadresse, und Köln hat sich als Partymeile rumgesprochen, zum Teil auch, weil hier viele als Kontingentflüchtlinge zugewiesen wurden. Köln ist eine schöne und sympathische, multikulturelle Stadt, die zieht halt magisch an. Es waren vor allem nordafrikanische Flüchtlinge, die nach Köln gereist sind. Die seit Jahrzehnten hier integrierten Marokkaner und Algerier haben Silvester meistens in der Nähe ihrer Wohnungen mit ihrer Familie gefeiert, so wie alle anderen Bürger auch.

Fotos: So feierte Köln Silvester 2016 FOTO: dpa, hka lof

Geld für ein Auto haben Flüchtlinge nicht, also fahren sie mit der Bahn nach Köln und sind am Hauptbahnhof gleich mitten in der Stadt. Einfacher geht es nicht, und wenn man sich nicht auskennt, ist man doch da schon direkt mittendrin, und das vor einer tollen Kulisse.

Warum sind die Menschen aus den Maghrebstaaten aber wiedergekommen, obwohl sie durch die vergangene Silvesternacht wegen einer kleinen Minderheit krimineller Sexualstraftäter als Kulturgruppe so in Verruf geraten sind? Wussten sie, was sie dieses Jahr am Dom erwartet?

Nein. Die Allermeisten lesen keine deutschen Medien, die Sprachkompetenz ist noch zu gering und unsere Bemühungen, in der Kommunikation die Menschen zu erreichen, bleiben leider weiterhin bescheiden.

Ja, natürlich gab es auch einen kleineren Teil vernetzter Flüchtlinge, die die Übergriffe aus dem Vorjahr wieder nach Köln gezogen haben. Oder es hatte sich bis zu ihnen rumgesprochen. Diese Art Stimmung hat ihnen die Polizei zum Glück kräftig versaut.

Wirklich wichtige sensible Themen werden oft nicht klar angesprochen

Durch die Berichterstattung über die Kölner Vorfälle von Silvester vor einem Jahr haben viele engagierte Ehrenamtler Angst bekommen, ihre Meinung geändert, oder sie wurden von ihrem sozialem Umfeld unter Druck gesetzt, so dass sie ihre Tätigkeit beendeten. Sie waren aber eine wichtige Unterstützung für schnelle Integration und Kontakte zu Deutschen, auch um einer kulturellen Isolation frühzeitig entgegenzuwirken.

Auch werden die wirklich wichtigen sensiblen Themen und Spannungsfelder, die fürs Leben in einer emanzipierten demokratischen Gesellschaft wichtig sind, oft aus Scham nicht klar angesprochen. Die Kurse beschränken sich meist auf Sprachkompetenz oder politische Strukturen unserer Demokratie. Ich habe in meiner Zeit als Leiter eines Camps allerdings regelmäßig genau diese schwierigen Alltagsthemen angesprochen, wie auch Silvester und Karneval mit Bezug auf Sexualität und Emanzipation. Bei so vielen jungen Männern ist das zwingend notwendig.

 
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