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Oberbürgermeisterwahl in Köln
"Wir sind alle sehr geschockt"

Köln. Am Tag nach dem Messerangriff auf OB-Kandidatin Henriette Reker können viele Kölner die Tat immer noch nicht fassen. Aber: "Wir zeigen Flagge und das haben sehr viele Menschen heute getan", sagt Kölns scheidender Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD). Von Martin Kessler und Christian Schwerdtfeger

Am Tatort an der Aachener Straße in Braunsfeld erinnert einen Tag nach dem Attentat kaum noch etwas an die schreckliche Tat. Auf einer Informationstafel der CDU vor dem Marktplatz sind Zettel gehängt worden: "Den Mut nicht verlieren", "Wählen gehen", "Jetzt erst recht" und "Gute Besserung, Frau Reker" steht dort. 

Die Wahlbeteiligung ist etwas höher als sonst. Bis 16 Uhr hatte knapp jeder dritte Kölner seine Stimme abgegeben. Die Wahlbeteiligung lag bei 31,7 Prozent, wie die Stadt auf ihrer Homepage mitteilt. Dabei sind die Briefwähler anteilig mitgerechnet. Wahlleiterin Gabriele Klug erwartet, dass bis zur Schließung der Wahllokale um 18 Uhr die 40-Prozent-Marke geknackt wird.

Kölner wählen einen Tag nach dem Attentat FOTO: dpa, skm htf

Henriette Reker, Kandidatin von CDU, Grünen und FDP, war am Samstag bei einer Wahlkampfveranstaltung auf einem Wochenmarkt in Braunsfeld von einem 44-Jährigen niedergestochen worden. Nach einer Notoperation war sie nach Angaben ihrer Ärzte am Samstagabend außer Lebensgefahr. Der Täter, ein arbeitsloser Mann aus Nippes, konnte direkt nach dem Angriff festgenommen werden. Der 44-Jährige, der eine rechtsextreme Vergangenheit haben soll, hat offensichtlich aus Fremdenhass heraus die Tat begangen. Er wird am Sonntag einem Haftrichter vorgeführt.

Direkt am Tatort im Stimmbezirk 30405 geht am Sonntagmorgen Stephanie Leurs wählen. "Es ist schrecklich, was da gestern passiert ist", sagt Leurs. Ausgewirkt habe sich die Tat auf ihre Wahlentscheidung jedoch nicht. Sie wäre heute ohnehin wählen gegangen. "Denn so ein Attentat darf unsere Freiheit und unser Demokratieverständnis nicht beeinflussen", erklärt die Kölnerin.

Fotos aus Köln: So reagieren CDU und SPD auf das Wahlergebnis FOTO: dpa, obe axs

Dass alle so denken, ist in dem Wahllokal in Braunsfeld nicht ersichtlich. Denn scheinbar machen sie hier die Nachwirkungen der gestrigen Tat bemerkbar. Zwar steht erst um 18 Uhr fest, wie hoch die Wahlbeteiligung liegt, aber gefühlt sei sie an diesem Sonntagvormittag in Braunsfeld niedriger als sonst. Bislang läuft die Wahl nur schleppend an, bestätigt eine Sprecherin der Stadt. 

Wähler in Nippes sind geschockt

OB-Kandidatin Reker in Köln bei Messerangriff verletzt FOTO: ANC-NEWS

Im Wahllokal der Mathilde-von-Mevissen-Grundschule in Köln-Nippes haben sich um 9.45 Uhr nur wenige Wähler eingefunden, die für das neue Kölner Stadtoberhaupt ihre Stimme abgeben wollen. Sie sind aber entschlossen, ihre Wahl auch zu einem Votum für Demokratie und gegen Gewalt zu machen. "Es ist ein wichtiges Zeichen, dass die Wahl nicht abgesagt wurde", sagt Julia Wellmann. "Wir sind alle sehr geschockt", meint die junge Frau, die allerdings nicht so recht weiß, wie sie die Tat bewerten soll. "Sie ist auf jeden Fall zu verurteilen. Ob es ein Irrer war oder ob er rechtsextreme Motive hatte, ist unklar." Sie hat selbstverständlich im privaten Kreis über das Attentat gesprochen. Auch darüber, ob es die Wahl beeinflusst. "Man muss die Gründe für die Tat erforschen und ob eine Dynamik dahinter steht", fordert sie. Aber sie weiß auch: "Es gibt keinen richtigen Schutz vor so einer Tat."

Michaela Schmitt kennt die von der CDU, den Grünen, der FPD und den Freien Wählern unterstützte Spitzenkandidatin Reker persönlich – aus ihrer Arbeit für Paare, die aus zwei Staaten kommen. "Frau Reker vertritt in der Frage der Antidiskriminierung und bei den Flüchtlingen eine klare Position." Das könnte ihr übler und tragischerweise zum Verhängnis geworden sein. "Die Tat hat sicher etwas mit der aufgeheizten Diskussion zu tun", meint die Kölnerin. "Ich habe sie jedenfalls gewählt – völlig unabhängig von der schrecklichen Tat", bekennt sie.

"Ich bin unbelastet zur Wahl gegangen", sagt Gerald Roppes, der aber trotzdem einen Zusammenhang sieht zwischen den Hass-Äußerungen im Internet und der Tat. "Die Wut wird heute mit einer unglaublichen Geschwindigkeit im Netz verbreitet", sieht er als Problem. Seine Frau Katja hat sich wie er in ihrer Wahl nicht beeinflussen lassen. "Es ist die Tat eines Irren, der zufällig aus dem gleichen Stadtteil wie ich komme."

Das Ehepaar Cornelia und Hermann Reusch ist der Meinung, dass auch Kommunalpolitiker besser geschützt werden müssen. "Das kann zwar immer passieren, wenn Politiker den Menschen hautnah begegnen wollen", findet Hermann Reusch. Aber wer so exponiert ist wie die OB-Kandidaten, lebt offenbar inzwischen nicht ganz ungefährlich. Da müsse man schon etwas tun, um die Politiker zu schützen.

Bei den Helfern im Wahllokal ist das Attentat noch kein richtiges Gesprächsthema. "Wir reden nicht darüber", sagt Wahlhelferin Solmaz Özdemir, die als frühere städtische Bedienstete jetzt freiwillig hier ist. "Hier ist alles ganz ruhig", meint auch Wahlhelfer Dominik Ortseifen, der gerade sein Abitur gemacht hat und seine erste staatsbürgerliche Aufgabe erfüllt. Er hat schon per Briefwahl abgestimmt. Wo er sein Kreuz gemacht hat, bleibt sein Wahlgeheimnis.

Alle aktuellen Informationen zum Angriff auf Henriette Reker finden Sie hier.

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