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Korschenbroich
Appell gegen politische Radikalisierung

Korschenbroich. Das Thalia-Zimmertheater präsentierte im Sandbauernhof das Stück "Zorn" von Joanna Murray.

"Ich traue niemandem. Das ist nicht so deprimierend, wie enttäuscht zu werden", erklärte Patrick Harper (Dennis Lange) in dem Stück "Zorn" der renommierten australischen Schriftstellerin Joanna Murray. Das Thalia-Zimmertheater präsentierte im Liedberger Sandbauernhof an vier Abenden den nicht ganz leicht verdaulichen Stoff. Die Inszenierung wirkte weder deprimierend noch enttäuschend, stimmte jedoch nachdenklich. Diese Nachdenklichkeit wurde allerdings überlagert durch die Freude an den durchweg sehr guten schauspielerischen Leistungen.

Patrick Harper, ein Schriftsteller, und seine Frau Alice, eine berühmte Neurobiologin, die einen bedeutenden Preis verliehen bekommen sollte, stritten auf hohem Niveau. Die anspruchsvolle Rolle schien wie für Anike Herriger gemacht. Die Herzen der Zuschauer eroberte Lars Torben Müller im Sturm, obwohl er als Sohn der Harpers eine unrühmliche Rolle spielte: Er hatte gemeinsam mit einem Schulfreund eine Moschee mit Graffiti beschmiert. Er reagierte völlig emotionslos, sagte Sätze wie diesen: "Ich bin nicht der Meinung, dass alle Religionen und Kulturen gleichwertig sind." Und er fügte hinzu: "Die mögen uns nicht, mögen keine Frauen, sie selbstständig denken." Die gute Stube der Harpers mit einer riesigen Bibliothek bildete das Herzstück des Bühnenbildes, rechts und links daneben gab es jeweils einen Tisch und ein paar Stühle. Dort interviewte die junge, ehrgeizige Journalistin Rebecca (Anna Meuser) die Harpers. Auch sie sollte bald bitter enttäuscht sein.

Lehrer Warren (Stefan Brings) hatte die Eltern aufgesucht, um über die Schmierereien an den Moscheewänden zu informieren. Die Eltern stellten sich zunächst vor ihren Sohn. Der Automobilarbeiter Bob (Lars Meuser), dessen Sohn an den Schmierereien beteiligt war, gab sich latent fremdenfeindlich, seine Frau (Jeannine Fervers), Haarcoloristin, eher naiv.

Erst nach der Pause wurde die dunkle Seite von Alice Harper beleuchtet: Sie war als 19-Jährige in eine linksradikale Gruppe hineingeraten. Und sie musste zugeben, dass sie vom Inhalt eines Koffers, den sie weitergegeben hatte, wusste: Er enthielt eine Bombe, mit der ein Anschlag verübt wurde - dabei war der Vater der Journalistin, während ihre Mutter schwanger war mit ihr, getötet worden. Berührend, wie Alice um ihre Beziehung kämpfte - und um ihren Sohn. Es sah nicht so aus, als würde sie erfolgreich sein. Der Glanz, der berufliche Erfolg, alles zählte auf einmal nicht mehr. Ein grandioser Appell gegen politische Radikalisierung war der Autorin mit "Zorn" gelungen. Diesen anspruchsvollen Stoff hat das Thalia-Theater souverän umgesetzt.

(barni)
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