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Korschenbroich
Der Kameramann der Wende

Korschenbroich. Beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Alten Schule sprach Zeitzeuge Siegbert Schefke darüber, wie er 1989 heimlich die Montagsdemonstrationen in Leipzig filmte – und wie er zum Widerstand kam. Von Nadine Fischer

Mitten im Satz musste Siegbert Schefke eine Pause machen. Nach ein paar Sekunden brachte er ein zittriges "Entschuldigung" hervor und rieb sich mit der rechten Hand über die Augen. Eine Zuhörerin im voll besetzten Saal der Alten Schule ging zu ihm nach vorne und reichte ihm ein Papiertaschentuch. Es war, als wäre er weit weg, im Jahr 1983, und würde einen Teil des Schmerzes, der Wut und Verzweiflung von damals noch einmal durchleben. Wie sein Freund Roland Jahn gegen dessen Willen in Knebelketten in einen Zug gen Westen verfrachtet und aus der DDR ausgebürgert wurde, erzählte Schefke dem Korschenbroicher Publikum gerade. Gewaltsam entfernt aus einem Land, das doch eigentlich beider Heimat war.

Solche Erlebnisse spornten Siegbert Schefke dazu an, "diesen Staat zu beseitigen", sagt er. "Wir wollten etwas Grundlegendes, Neues erreichen." Am Tag der Deutschen Einheit erzählte der Journalist, dessen heimlich aufgenommene Filmaufnahmen von der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig um die Welt gingen, rund 50 Minuten lang in der Alten Schule aus seinem Leben als Widerstandskämpfer.

Den Zeitgeist herholen

"Ich will den Zeitgeist von vor 25, 30 Jahren in den Raum holen", sagte Siegbert Schefke zu Beginn seines Vortrags – und zeigte erst mal einen fünfminütigen Film aus dem Jahr 1990. Über sich und andere Revoluzzer der 80er Jahre, über die Montagsdemonstrationen, über weitere Projekte, die er in der DDR mit angestoßen hatte. Was folgte, war ein Streifzug durch das Leben des 53-Jährigen. Mal traurig, mal verbittert, amüsiert oder wütend schilderte Schefke Episoden, die ihn geprägt haben. Er erinnerte sich zum Beispiel daran, wie er Anfang der 80er Jahre fast seinen Studienplatz an der Hochschule für Bauwesen in Cottbus verloren hätte – weil er einen Appell gegen Raketeneinsätze in West und Ost unterschrieben hatte. Und er sprach darüber, wie es war, alle sechs Wochen von der Staatssicherheit verhört zu werden. "Verzweiflung und Mut wurden immer größer." Weil sie Missstände öffentlich machten und die Masse erreichen wollten, filmten Schefke und seine Freunde zum Beispiel auf Müllkippen und leiteten das Material an Fernsehanstalten im Westen weiter. Dorthin gelangten auch die Aufnahmen, die sie am 9. Oktober 1989 heimlich aus einer Kirche in Leipzig in 35 Metern Höhe über den Teilnehmern der Montagsdemonstration machten. Die bewegten Bilder gelten als Baustein auf dem Weg zum Mauerfall.

(RP/rl)
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