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Korschenbroich
Futterstoffe für zwölf Millionen Hosen

Korschenbroich. In der Textilindustrie wird nicht parallel, sondern nacheinander gefertigt. Futterstoffe stehen am Anfang der Produktionskette. Deshalb ist Hagen Werres seiner Zeit voraus. Der Korschenbroicher plant schon für den Sommer 2017. Von Marion Lisken-Pruss

Sie wirken im Verborgenen. Sie sorgen für Stabilität und eine gute Passform oder unterfüttern eine transparente Bluse. Ins Auge fallen sie erst, wenn sie mit Kussmündern, Sonnenblumen oder Revolvern bedruckt sind. Worum es geht? Um Futterstoffe aus Korschenbroich. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil in der Bekleidungsindustrie. Hosen zum Beispiel wären ohne sie kaum denkbar. Wohin mit dem Portemonnaie oder dem Handy, wenn die Taschen nicht aus Futterstoff genäht wären?

Futterstoffe führen in der Modebranche ein Schattendasein, obwohl sie ein hochwertiges Kleidungsstück erst krönen. "Während die Modelabels bekannt sind, verbindet der Endverbraucher mit den Futterstoffen keine Marke", bedauert Hagen Werres (50), Geschäftsführer der gleichnamigen GmbH.

Vor 23 Jahren hat der gebürtige Korschenbroicher in seiner Heimatstadt sein Unternehmen gegründet und verkauft seitdem zusammen mit seiner Frau Jacqueline das Innenleben für Kleider, Blazer und Mäntel. Die Zahlen, die Hagen Werres präsentiert, sind beeindruckend: Futterstoffe aus Korschenbroich werden jährlich in zwölf Millionen Hosen, Jacken oder Anzüge eingenäht. Dafür produziert die GmbH acht Millionen Meter Stoff. Das entspricht in etwa der Entfernung zwischen Korschenbroich und Denver/USA. Gewebt oder genäht wird in Korschenbroich allerdings nicht: Werres lässt Garne und Rohgewebe nach strengen Produktionsvorgaben in Lohn nähen, färben oder bedrucken. Erst die Fertigware kommt nach Korschenbroich, wo sie im Labor einer strengen Qualitätssicherung unterzogen wird. Läuft der Futterstoff noch ein? Färbt er ab oder reißen die Nähte aus? Rund zwei Millionen Meter Futterstoffe, aufgerollt auf 20 000 Rollen, hält die Werres GmbH stets auf Lager vorrätig: in allen Farben schillernd oder mit unterschiedlichen Mustern bedruckt. Seine Kunden, darunter viele bekannte Modefirmen, sitzen überwiegend in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. "Hier ist die Zahlungsmoral besser", sagt Hagen Werres. Der griechische Markt sei durch die Finanzkrise weggebrochen, die Zahlungsmoral in den übrigen südeuropäischen Ländern sei gesunken, fügt der Geschäftsmann hinzu.

Da in der Textilindustrie nur nacheinander und nicht parallel gefertigt werden kann, steht er als Stofflieferant an einer der vordersten Stellen. Das heißt für ihn, weit im Voraus zu planen. Auf der Messe "Munich fabric start" im September zeigt Werres die Kollektion für den Winter 2016/17. Und während alle noch den Sommer 2015 genießen, denkt er bereits weiter: "Ab Oktober dreht sich bei uns alles um den Sommer 2017." Dass der Begriff "Futterstoffe" auch mehrdeutig sein kann, hat Werres schon oft erfahren. Dann nämlich, wenn Landwirte nach speziellem Tierfutter für Schweine und Rinder fragen. "Für die Jägerschaft haben wir früher besondere Futterstoffe vorgehalten", erzählt er schmunzelnd: Die waren aus Stoff und mit Hirschen bedruckt.

Quelle: NGZ
 
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