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Interview Marc Venten
"Korschenbroich-West wird kein Schnellschuss"

Interview Marc Venten: "Korschenbroich-West wird kein Schnellschuss"
Bürgermeister Marc Venten. FOTO: JKna
Grevenbroich. Korschenbroichs Bürgermeister Marc Venten spricht über seine ersten hundert Tage im Amt, die Notwendigkeit, den Flüchtlingsstrom zu reduzieren und über die Planungen für das 19,6 Hektar große Neubaugebiet Korschenbroich-West.

Herr Venten, Sie sind jetzt hundert Tage im Amt. Wie fühlt sich das für Sie an?

Marc Venten Ich wache morgens auf und denke daran, dass ich jetzt eine Menge Verantwortung habe. Aber die Arbeit macht sehr viel Freude, weil sie abwechslungsreich und nie eintönig ist. Man hat allerdings oft wenig Zeit, sich auf Dinge vorzubereiten, aber das funktioniert trotzdem alles sehr gut.

Haben Sie sich das Amt so schwierig vorgestellt, wie es tatsächlich ist?

Venten Ja, es war mir bewusst, dass das eine sehr zeitaufwendige Aufgabe ist und auch ganz anders ist als die Arbeit eines Anwalts, der ich bisher nachgegangen bin. Aber es gibt auch Schnittstellen zwischen beiden Tätigkeiten. Man hat immer sehr viel Kontakt mit Menschen. Als Bürgermeister habe ich die offene Sprechstunde übernommen, die mein Vorgänger eingeführt hat. Alle zwei Wochen kommen die Bürger mit ihren Anliegen ohne Anmeldung in die Sprechstunde. So ist der Kontakt ständig da.

Ihre Bürgermeister-Kollegen in Grevenbroich oder Neuss haben kräftig das Personalkarussell gedreht. Bei Ihnen scheint sich diesbezüglich nichts zu bewegen.

Venten Richtig. Ich nehme mir erst einmal die Zeit, die Prozesse in der Verwaltung zu verstehen und mir die Situation in Ruhe anzusehen. Dann kann ich bewerten. Ich treffe keine Ad-hoc-Entscheidungen. In der Stadtverwaltung arbeiten rund 340 Mitarbeiter. Da braucht man Zeit zur Analyse.

Zugegeben: Die Frage ist provokativ. Aber es ist sicher nicht einfach, in Zeiten der Flüchtlingskrise Bürgermeister einer Stadt zu werden, die schnell Platz für 730 Neuankömmlinge schaffen muss?

Venten Ja, die ersten Tage fielen nicht gerade in die einfachste Zeit. Aber ich habe Mitarbeiter, auf die ich mich verlassen kann. Sie arbeiten sehr gewissenhaft und mit sehr viel Einsatz, und sie haben die Situation gut im Griff. Bisher ist es uns auch gelungen, die Flüchtlinge dezentral unterzubringen und die großen Turnhallen frei zu halten. Dass das alles bisher so gut gelungen ist, ist den Mitarbeitern der Stadtverwaltung zu verdanken, aber natürlich auch den vielen, vielen Ehrenamtlern. Ohne deren Mithilfe könnten wir das nicht stemmen. Deswegen haben wir neulich auch einen Dankeschön-Abend veranstaltet.

Gibt es in Korschenbroich eine Willkommenskultur oder beginnt die Stimmung zu kippen?

Venten Die Bereitschaft, den Menschen zu helfen, ist nach wie vor da. Es herrscht allerdings Skepsis, ob wir noch mal die gleiche Zahl schaffen. Ich habe da auch meine persönlichen Zweifel. Bisher konnten wir auch genügend Wohnraum zur Verfügung stellen, aber irgendwann ist das ausgereizt. Ich erwarte, dass die Bundesregierung den Flüchtlingsstrom bald reduziert, dann kippt die Stimmung auch nicht.

Stichwort Korschenbroich-West: Viele Bürger sind verunsichert und fürchten ein Mega-Wohngebiet im Einheitslook eines Investors.

Venten Wir sind uns bewusst, dass die Bebauung für Korschenbroich-West abwechslungsreich sein muss und nicht zu sehr verdichtet werden darf. Wir werden bei der Gestaltung auf eine gesunde Durchmischung achten. Das Ganze wird kein Schnellschuss, sondern wird breit in der Öffentlichkeit diskutiert und in Ruhe beraten werden.

Stichwort Freiwillige Feuerwehr: Der Löschzug Kleinenbroich wartet mittlerweile seit mehr als sechs Jahren auf einen Neubau. Wo und wann wird die neue Feuerwache denn nun errichtet?

Venten Wir haben einen Planer beauftragt, und die Entscheidung wird bis Ende Februar fallen. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten: Das jetzige Gebäude umzubauen oder am Holzkamp einen Neubau zu errichten. Mein Favorit wäre ein Neubau im Holzkamp-Gelände. Dann könnten wir die alte Feuerwache so lange betreiben, bis das neue Gebäude fertig wäre. Anschließend würde umgezogen. Es gäbe dort auch mehr Stellplätze. Aber wie gesagt: Die Entscheidung fällt Ende Februar.

Wo sehen Sie Ihre weiteren Schwerpunkte?

Venten Die Förderung der Familien mit Kindern nimmt einen wichtigen Platz ein. Wir müssen uns um die Kindertagesstätten kümmern. Der Bedarf an Plätzen ist sehr groß und steigt weiter. Es gibt die Tendenz, die Kinder immer früher in die Betreuung zu geben, deshalb ist es eine gewaltige Aufgabe, genügend Plätze bereitzustellen. Auch in Korschenbroich-West werden wir voraussichtlich eine neue Kita bauen müssen.

Gibt es noch andere Schwerpunkte?

Venten Mit den Kitas allein ist es natürlich nicht getan, wir müssen auch an die weiterführenden Schulen denken. Ich hoffe, dass die Hauptschule genügend Anmeldungen hat, um eine Eingangsklasse zu bilden. Der Bedarf für eine Hauptschule ist da. Spätestens ab der 7. Klasse ist die Schule zweizügig. Gerade im Hinblick auf die Inklusionsschüler ist die Hauptschule wichtig.

Wie steht es um die Idee, mit der Gesamtschule Kaarst-Büttgen zu kooperieren?

Venten Wir haben beschlossen, das Anmeldeverfahren für das nächste Schuljahr abzuwarten, das bis Anfang März 2016 läuft. Von dieser Zahl machen wir die Entscheidung abhängig, wie es weitergeht.

Was gilt es jetzt noch vordringlich anzupacken?

Venten Wir müssen in den sozialen Wohnungsbau einsteigen. Dabei gibt es mehrere Alternativen: Ein Investor übernimmt die Aufgabe, die Stadt wird selbst aktiv, wir gründen eine städtische Gesellschaft oder wir beteiligen uns mit anderen Kommunen zusammen an einer Gesellschaft. Wir prüfen das gerade. Außerdem brauchen wir weitere Gewerbeansiedlungen, auch um unsere Gewerbesteuer breiter aufzustellen. Bei der Einkommenssteuer stehen wir schon sehr gut da. Das führt zum Dauerthema Finanzen. 2018 dürfen wir kein strukturelles Defizit mehr haben. Wir müssen den Ausgleich schaffen, aber die Frage ist, ob es überhaupt noch Sparpotenzial gibt.

Ein Dauerbrenner ist auch das Parkplatz-Thema durch die Rathaus-Zentralisierung. Die Frage nach mehr Stellplätzen ist für viele noch nicht beantwortet.

Venten Durch den Auszug der Post wird es zu einer Entspannung kommen, weil die Parkplätze der Mitarbeiter und der Transportfahrzeuge frei werden. Mindestens acht bis zehn Transporter stehen jetzt regelmäßig auf dem Parkplatz, dazu kommen die Privatwagen der zwanzig Mitarbeiter.

Wird es mit Ihnen, wie immer mal wieder von den Grünen gefordert, eine reine Fußgängerzone im alten Ortskern geben?

Venten Gutachter haben klar davon abgeraten, den Ortskern für den Verkehr zu sperren, weil dann die Pescher- und die Mühlenstraße umso stärker belastet würden. Die Engstelle an der Sebastianusstraße ist ein neuralgischer Punkt, aber nach Aussagen der Polizei bislang keine Gefahrenstelle. Es ist eine verkehrsberuhigte Zone, das heißt, dass die Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Autofahrer zu gegenseitiger Rücksichtnahme verpflichtet sind.

Sie sind jetzt 100 Tage im Amt. Würden Sie noch einmal antreten?

Venten Auf jeden Fall.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN RUTH WIEDNER UND ANGELA RIETDORF.

Quelle: NGZ
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