| 00.00 Uhr

Korschenbroich
Lüttenglehnerin nimmt Asylbewerber auf

Korschenbroich: Lüttenglehnerin nimmt Asylbewerber auf
Angelika Albrecht-Aust aus Lütenglehn mit ihren neuen Mitbewohnern Ali Johni links und Mohammed Waisi. Die beiden - Zahnärzte von Beruf - kamen im September nach Deutschland. FOTO: Lothar Berns
Korschenbroich. Zwei Flüchtlinge aus dem Irak sind bei Ehrenamtlerin Angelika Albrecht-Aust eingezogen. Jetzt meistern sie den Alltag gemeinsam. Wie das Zusammenleben im Haus funktioniert - und warum die Pädagogin helfen möchte. Von Christian Kandzorra

Einfach nur zusehen - das kommt für Angelika Albrecht-Aust aus Lüttenglehn nicht in Frage. Die Pädagogin engagiert sich seit einigen Monaten in der Flüchtlingshilfe und unterstützt beinahe jeden Tag die rund 20 Asylbewerber, die in der Turnhalle im Dorf untergekommen sind. Sie übersetzt, betreut und schenkt ihnen ein offenes Ohr. Jetzt hat die 61-Jährige zwei Flüchtlinge aus dem Irak bei sich zuhause aufgenommen und kurzerhand ihr Arbeitszimmer im Dachgeschoss zum Wohn- und Schlafzimmer für Mohammad Waisi (24) und Ali Johni (26) umfunktioniert. "Wir kommen gut miteinander aus", erzählt die zweifache Mutter, die nicht lange gezögert hat. Ihre Tochter und ihr Sohn sind mittlerweile ausgezogen und studieren in anderen Städten. "Mohammad und Ali sind jetzt für mich wie meine Kinder."

Eigentlich hätte sie nie gedacht, dass sie eines Tages zwei Flüchtlinge bei sich zuhause aufnehmen würde. Und auch die beiden Iraker, die zusammen studiert haben und voll ausgebildete Zahnärzte sind, hatten nicht damit gerechnet, so herzlich in Deutschland aufgenommen zu werden. "Wir fühlen uns hier wie zuhause. Wir teilen alles, alles ist gut", erzählt Mohammad Waisi und spricht für seinen besten Freund Ali Johni, mit dem er aus dem Irak flüchtete.

Über Passau reisten beide Ende September in Deutschland ein. "Wir mussten flüchten, weil der Irak ein sehr gefährliches Land ist und die Zukunft dort für uns ungewiss war", berichtet Waisi, der mit seinem Freund über Umwege im Oktober in der Lüttenglehner Turnhalle gelandet war. Dort lernten sie auch Angelika Albrecht-Aust kennen. "Wir wurden sehr schnell Freunde", erzählt Waisi, der gemeinsam mit Johni viermal pro Woche einen Intensiv-Deutschkursus besucht und bald gerne den Beruf des Zahnarztes ausüben möchte - vorausgesetzt sein Asylantrag wird bewilligt.

Die Ereignisse in Köln in der Silvesternacht sind bei ihnen ein großes Thema. "Zudem wächst die Angst bei den Flüchtlingen, dass sich die Gesetze verschärfen und sie nicht in Deutschland bleiben können", berichtet Albrecht-Aust. Auch ihre beiden "Jungs", wie sie ihre neuen Mitbewohner liebevoll nennt, waren in der Silvesternacht in Köln, sind aber nicht in den Pulk am Hauptbahnhof hineingeraten. "Sie waren auch am Bahnhof, hatten aber Angst vor den merkwürdigen Gestalten dort und sind mit der nächsten Bahn weggefahren", erzählt Albrecht-Aust. Die Flüchtlinge seien fassungslos über die Taten und würden sehrwohl mitbekommen, über was in Deutschland aktuell diskutiert wird. In einem offenen Brief an den Korschenbroicher Bürgermeister Marc Venten (CDU) distanzieren sie sich deshalb klar von den Übergriffen und bedanken sich für die große Hilfsbereitschaft.

Aus der Ehrenamtlerin und den beiden Flüchtlingen ist inzwischen eine kleine Familie geworden. "Wir kommen sehr gut miteinander aus. Wir teilen das Badezimmer, können uns gut auf Englisch verständigen, schauen abends gemeinsam Fernsehen und diskutieren über Politik und andere Dinge", erzählt die Pädagogin, die sich seit mehr als 40 Jahren für andere Menschen engagiert. Aus welchem Grund sie Flüchtlingen hilft? "Ich bin vor wenigen Jahren aus Begeisterung für die arabische Kultur selbst nach Syrien, Jordanien und in den Libanon gereist. Dort haben mir auch fremde Menschen eine unglaubliche Gastfreundschaft gezeigt. Das hat mich begeistert, und deshalb ist es für mich jetzt eine Selbstverständlichkeit den Menschen zu helfen", sagt due 61-Jährige.

Seit Sonntag meistern sie den Alltag bei Angelika Albrecht-Aust gemeinsam. "Wir wechseln uns zum Beispiel mit dem Kochen ab. Mal koche ich, mal kochen die Jungs. Die arabische Küche ist etwas schärfer als die deutsche - das esse ich sehr gerne", sagt die Lüttenglehnerin, die weiterhin auch den Flüchtlingen in der Turnhalle hilft.

Quelle: NGZ
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.