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Jüchen
Schadens-Schlichter selten gefragt

Jüchen. Erst ein Jüchener hat sich bei der Anrufungsstelle für Bergschäden gemeldet. Die im vorigen Jahr gegründete Kommission vermittelt zwischen Betroffenen und dem Bergbautreibenden RWE Power. Von Lena Steeg

Ratsherr Gerolf Hommel kennt etwa 70 Hochneukircher, die über Risse in Mauerwerk klagen. Vier Professoren von verschiedenen Hochschulen sind vor sechs Wochen durch Margret Granderaths Haus gewandert. Begleitet wurden die Männer von vier RWE-Mitarbeitern. "Hier war richtig was los", sagt die 80-Jährige und wirft wieder einmal einen Blick in den Briefverkehr zwischen sich und dem Bergbauriesen RWE Power. Mehrere Ordner füllen die Unterlagen mittlerweile.

Seit 1990 setzt sich Margret Granderath schon mit dem Unternehmen auseinander. "Zweimal hat RWE im vergangenen Jahr sogar einen Gutachter aus Berlin eingeflogen", sagt sie.

Alle berufenen Fachmänner sollen dabei das Gleiche herausfinden: Sind die tiefen Risse in den Hauswänden und Decken der Jüchenerin die Folge des Braunkohletagebaus Garzweiler? "Es wird immer mehr. Sobald ich eine Wand verputzt habe, kommen schon die nächsten Risse", sagt die 80-Jährige. Auch in ihrer Nachbarschaft klagen die Anwohner. "Aber die Leute kämpfen nicht. Sie sagen, dass sie gegen einen Großkonzern wie RWE sowieso keine Chance haben."

Aus genau diesem Grund wurde Ende 2010 eine unabhängige Anrufungsstelle gegründet, die der Bezirksregierung Köln unterstellt ist. Die Stelle setzt sich aus einem Vorsitzenden, Richter a.D. Gero Debusmann, und je einem Beisitzer von der Betroffenen-Seite und einem vom Bergwerksunternehmen zusammen. Nach dem Mehrheitsprinzip entscheidet das Gremium, ob ein Schaden durch den Braunkohlebergbau vorliegt und ersetzt wird. 2010 gingen bei der Anrufungsstelle sechs Einträge, unter anderem aus Jülich, Bergheim und Pulheim, ein.

Ein Antrag wurde von RWE abgewiesen, in zwei Fällen besteht noch Klärungsbedarf, und dreimal konnten sich die Geschädigten mit dem Bergwerksunternehmen einigen. Und das zweimal zu ihrem Vorteil, sprich: RWE zahlte für die Schäden am Haus.

In diesem Jahr sind bislang 13 Anträge bei der Geschäftsstelle eingegangen. Bei zwei von ihnen hat RWE einer Schlichtung zugestimmt, räumt also auch von seiner Seite Handlungsbedarf ein. Einer der Anträge kommt aus Erkelenz, ein anderer aus Jüchen. Franz Steinhäuser hat sich mit der Anrufungsstelle in Verbindung gesetzt. Der 75-jährige Jüchener hat seit 1998 Probleme an seinem Haus. Eine Wand ist an mehreren Stellen gebrochen, im Badezimmer ist der Boden gerissen, genauso wie die Decke in der Garage.

"Es gibt drei Gutachten über die Schäden, die sich alle widersprechen. In einem führt der Sachverständige die Risse auf den Autoverkehr zurück", sagt Steinhäuser und muss trotz allem Ärger lachen. "Dabei fahre ich so selten mit dem Wagen durch mein Badezimmer im ersten Stock. Und die Alleestraße, an der wir wohnen, ist nicht gerade eine Autobahn." Von der Anrufungsstelle erhofft er sich ein schnelleres Verfahren.

Gerolf Hommel, Ratsvertreter der Freien Wählergemeinschaft (FWG), ist sich sicher, dass es Jüchen nicht an Betroffenen mangelt. Stattdessen macht er Unwissen für die wenigen Anträge bei der Anrufungsstelle verantwortlich. "Viele wissen nicht, dass sie sich auf diese Weise zur Wehr setzen können. Mir sind in Hochneukirch aber rund 70 Betroffene bekannt", so Hommel.

Quelle: RP
 
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