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Korschenbroich
Tüftler machen Räder für Flüchtlinge flott

Korschenbroich: Tüftler machen Räder für Flüchtlinge flott
Er kann sich gut vorstellen, später auch beruflich an Fahrrädern zu schrauben: der 21-jährige Mohammad Fazeli aus Afghanistan in der Fahrradwerkstatt. FOTO: cka
Korschenbroich. In Korschenbroich sind viele Asylbewerber auf Fahrräder angewiesen. Viele gespendete Drahtesel sind jedoch in einem schlechten Zustand. In zwei Werkstätten wird an den Rädern geschraubt. Auch Flüchtlinge packen mit an. Ein Besuch. Von Christian Kandzorra

Schon auf den ersten Blick ist zu sehen: Das Modell "Fun in Motion", ein Damenrad, hat schon länger niemand mehr bewegt. Beide Reifen sind platt, der Rahmen hat einige Roststellen und auch die Beleuchtung hat ihre besten Zeiten hinter sich. Wo das Rad die vergangenen Jahre - es können eigentlich nur Jahre sein - verbracht hat, wissen Rolf Mäder, Karl-Heinz Mosmüller und Mohammad Fazeli nicht. Nur so viel: Es steht seit einigen Tagen im Keller des alten Rathauses an der Regentenstraße 1 und wartet auf seine Reparatur.

Denn auch wenn das Fahrrad auf den ersten Blick etwas trist wirkt: Es lässt sich mit einigen Handgriffen wieder fahrtüchtig und verkehrssicher machen. Darum kümmern sich die drei Männer - ehrenamtlich, in ihrer Freizeit. Insgesamt 46 gespendete Drahtesel haben sie seit Juli wieder flott gemacht und an Flüchtlinge im Stadtgebiet verteilt.

Zusammengerechnet leben in Korschenbroich derzeit 522 Asylbewerber, also Flüchtlinge, deren Antrag auf Asyl noch bearbeitet ist. "Viele von ihnen sind mit dem Fahrrad unterwegs. Gerade diejenigen, die eher außerhalb wohnen, nutzen die Zweiräder. Oft sind die Busverbindungen schlecht; viele haben auch keinen Führerschein, der in der EU anerkannt wird", berichtet die stellvertretende Sozialamtsleiterin Petra Köhnen. Die Nachfrage nach gespendeten Rädern, die kostenfrei ausgegeben werden, übersteige das Angebot deutlich.

Nur ein paar Schritte von ihrem Büro entfernt, befindet sich die Treppe, die ins Kellergeschoss des Rathauses führt. Zwischen Schränken und Kisten voller Karteikarten hat sich die Fahrradwerkstatt dort "eingerichtet". Ein Werkzeugkoffer auf einem Holzschreibtisch, eine Art Stativ, auf dem sich ein Rad aufhängen lässt - fertig. Ein Provisorium. Aber eins, das für das Nötigste reicht. "Wir wechseln hier jeden Donnerstag von 16 bis 18 Uhr Schläuche, bringen die Lampen wieder zum Leuchten und montieren kleine Ersatzteile", berichtet Karl-Heinz Mosmüller. Bei komplizierten Sachen, wie der Gangschaltung oder ausgeschlagenen Lagern an den Pedalen, werde es da schon schwieriger. Doch - und darauf legen die Männer in der Fahrradwerkstatt großen Wert - bisher sind nur sehr wenige Modelle tatsächlich auf dem Schrott gelandet. "Selten geht gar nichts mehr", betont Rolf Mäder, der, bevor er in Rente gegangen ist, Vertriebsleiter in einer Fleischwarenfabrik war.

Auch Karl-Heinz Mosmüller hatte beruflich nichts mit Fahrrädern zu tun. "Helfen wollen wir trotzdem. Manche, die sich ein Fahrrad bei uns abholen, haben Tränen in den Augen. So sehr freuen sie sich", erzählt der 74-Jährige, der gemeinsam mit Rolf Mäder im Männergesangsverein Arion Pesch singt. Ihr Schrauber-Kollege Mohammad Fazeli singt dort nicht mit. Aber er spielt gewissermaßen die Musik in der Fahrradwerkstatt. "Reparieren kann er richtig gut. Vor allem die Beleuchtung. Das ist wirklich kompliziert", lobt Karl-Heinz Mosmüller den 21-Jährigen, der vor 16 Monaten aus Afghanistan nach Deutschland kam. Seit Juli packt er in der Fahrradwerkstatt ordentlich mit an, macht sich die Hände schmutzig - für andere Flüchtlinge. "Zuhause ist es oft langweilig. Ich helfe gerne. Früher habe ich auch schon häufiger Fahrräder repariert", sagt er. Er könnte sich gut vorstellen, auch beruflich etwas mit Fahrrädern zu machen. Mohammad Fazeli selbst geht bis dato übrigens zu Fuß zur Fahrradwerkstatt. Als Korschenbroicher habe er es ja nicht so weit.

Quelle: NGZ
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