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Korschenbroich
Von Freundschaftsverrat während der NS-Zeit

Korschenbroich. Michaele Messmann und Wolfgang Antweiler berührten das Publikum im Kulturbahnhof mit Briefen zweier Freunde. Von Rudolf Barnholt

Auf den Tag genau 78 Jahre nach der Pogromnacht waren im Korschenbroicher Kulturbahnhof alle Plätze besetzt. Einige Zuhörer mussten sogar stehen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als Kulturamtsleiterin Michaele Messmann mit ihrem Mann Wolfgang Antweiler - er ist Leiter des Wilhelm-Fabry-Museums und des Archivs der Stadt Hilden - aus dem Buch "Adressat unbekannt" von Kressmann Taylor (1903 bis 1996) vorlasen. Dabei begnügten sie sich nicht mit Auszügen, sondern rezitierten den schmalen Band von Anfang bis zum Ende. Damit erzeugten sie eine große Nachdenklichkeit, die wesentlich länger anhalten sollte als die 60 Minuten, die die Lesung dauerte.

Hinter Kressmann Taylor verbirgt sich Kathrine Taylor, geborene Kressmann. Der Verlag hatte der Autorin und Werbetexterin damals empfohlen, als Mann zu publizieren, um ernst genommen zu werden. Der Briefwechsel zwischen zwei Freunden - dem amerikanischen Juden Max Eisenstein und seinem nach Deutschland zurückkehrten Geschäftspartner Martin Schulse - beginnt ganz harmlos. Wer das Buch nicht kennt, ahnt nicht, wie rasant diese Freundschaft in den Jahren ab 1933 zerbrechen soll. Michaele Messmann liest einen Brief von Martin vor. Der Ton ist herzlich: "Max, mein lieber alter Junge", heißt es da. Er schwärmt von einem Riesenbett, das man extra hatte anfertigen lassen für Ehefrau Elsa. Dass Martin ein außereheliches Verhältnis zu Griselle, der Schwester von Max, unterhalten hat, scheint die Männer nur umso fester zusammengeschweißt haben. Dunkle Wolken ziehen auf, als sich Max in San Francisco nach Hitler erkundigt: "Wer ist er eigentlich? Was ich so von ihm höre, gefällt mir gar nicht", ließ Wolfgang Antweiler das Publikum wissen. Das merkt sogleich, dass Martin vom Virus der Seuche "Nationalsozialismus" infiziert ist: "Es geht aufwärts, man spürt es auf den Straßen und in den Geschäften", lässt Michaele Messmann den Deutschen schwärmen. Kressmann Taylor hat sich nicht so viel Zeit und Zeilen gegönnt wie beispielsweise Lion Feuchtwanger, um zu schildern, welch zersetzende Wirkung dieser Virus hat: Bei ihr ist kein Wort zu viel, und vielleicht deshalb berührt ihr Buch die Zuhörer so sehr. Sie sind schockiert von der zunehmenden Kälte von Max, erleben, wie Griselle bei ihm Zuflucht sucht, abgewiesen und ermordet wird, wie aus Max ein glühender Nazi wird - der am Schluss selbst in die Fänge der braunen Häscher gerät. Der letzte Brief von Max kommt zurück: "Adressat unbekannt".

Am Sonntag, 13. November, von 14 bis 17 Uhr, sind im Kulturbahnhof noch Textarbeiten zum Buch der Geschichtswerkstatt der Realschule zu sehen. Die Schüler werden auch vor Ort sein.

Quelle: NGZ
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