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Korschenbroich
Wenn Tucholsky über Zitronen spricht

Korschenbroich: Wenn Tucholsky über Zitronen spricht
Ulrich Raue und Roswitha Dasch im voll besetzen Kulturbahnhof. FOTO: Ilgner
Korschenbroich. Diesmal drehte sich im "Kultursalon Korschenbroich" alles um den deutschen Ausnahme-Journalisten.

Zusätzliche Stühle mussten herbeigeschafft werden, bevor Roswitha Dasch und Ulrich Raue dem Publikum im Kulturbahnhof im Rahmen der Reihe "Kultursalon" einen der bedeutesten Publizisten der 1920er Jahre näherbringen konnten: Kurt Tucholsky. Er war Satiriker, Liedtexter, Kabarettautor - und ein Mann, der schon früh vor den Nationalsozialisten gewarnt hatte.

"Lerne lachen, ohne zu weinen", heißt das Programm und es spiegelte fast die gesamte Bandbreite von Tucholskys Schaffen wider. So sehr und virtuos Tucholsky einst als Künstler aus dem Vollen schöpfen konnte, so facettenreich setzten die beiden Akteure jetzt sein Programm um, wirkten nie angestrengt, weder er als Pianist, Erzähler und Sänger noch sie als Sängerin und Geigerin ganz in Schwarz mit silbernem Paillettenschal. Dieses Outfit sollte die 1920er Jahre spiegeln, die gerne als die Blütezeit des deutschen Kabaretts bezeichnet wird und die genau zwischen zwei die Welt erschütternden Katastrophen lag.

Zunächst - und das sollte eine Weile anhalten - kam Tucholsky vergleichsweise harmlos rüber. Köstlich seine Gedanken zum Verhältnis zwischen Mann und Frau. Kurt Tucholsky sollte sich als Kritiker des "starken Geschlechts" und als eine Art Frauenversteher erweisen. Die Zuschauer erfuhren häppchenweise Interessantes aus seiner Vita. Etwa, dass Tucholsky 1914 aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten war und sich 1918 den Protestanten angeschlossen hatte. Seine treffenden Reime gefielen den Zuschauern. Sie lachten über Einfälle wie dem Dialog zweier Kinder im Mutterleib - der Junge hatte gar keine Lust, auf die Welt zu kommen.

Dann wurde es, zunächst verhalten, dann mit Macht, politisch. Bereits 1924 entdeckte Tucholsky in Frankreich den Faschismus, sah ihn auch für Deutschland voraus und warnte schon früh, eindringlich und letztlich vergeblich vor einem Krieg.

Lustig machte er sich über die in Deutschland weit verbreitete Vereinsmeierei. Er beschrieb das Gefühl, gebraucht zu werden, unverzichtbar zu sein. Ulrich Raue und Roswitha Dasch stellten Tucholsky auch als Mann mit Europa-Visionen vor: "Deutsche, kauft deutsche Zitronen". So frisch kann der Appell gegen enge Schranken klingen. Es war ein kurzweiliger und interessanter Abend auch für jene, die schon viel über Tucholsky wussten.

(barni)
 
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