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Korschenbroich
Wohnen neben alten Mühlen-Walzenstühlen

Korschenbroich: Wohnen neben alten Mühlen-Walzenstühlen
Die Windges-Mühle in Liedberg: Heute wird in dem historischenIndustriegebäude gewohnt. Die Walzenstühle (links) erinnern an alte Zeiten. Foto: lber FOTO: Berns, Lothar (lber)
Korschenbroich. Die Windges-Mühle in Liedberg ist seit fast 40 Jahren außer Betrieb. Heute befinden sich Wohnungen in dem alten Industriegebäude. Von Marion-Lisken Pruss

Hinter manchen Straßennamen verbergen sich spannende Geschichten. Oft erzählen sie davon, wie die Gebäude längs der Straße einst genutzt wurden. Mit der Straße "An der Mühle" in Liedberg verhält es sich ähnlich. Nur eine Turmwindmühle sucht man dort vergeblich. Denn als der Müller Hermann Josef Compes 1855 neben seinem Wohnhaus eine Mahl- und Graupenmühle errichtete, war die Technik des Mühlenbaus schon so weit fortgeschritten, dass sie unabhängig von Wind und Wasser mahlen konnte. In dem Backsteinbau, der typisch für die Industriekultur des 19. Jahrhunderts war, trieb vielmehr eine fünf PS starke Hochdruckdampfmaschine die Walzen-stühle an. Wirtschaftlich rentabel arbeitete die Handelsmühle allerdings nicht: Sie lag abseits der damaligen Verkehrswege und konnte der Konkurrenz der übrigen Handelsmühlen nicht standhalten. 1894 stellte sein Bruder Heinrich Compes den Betrieb wieder ein. Da war der Mühlenbann schon seit 100 Jahren aufgehoben. Der sicherte einst die Einnahmen der Müller, da die Bauern ihr Mahlgut nur bei der Mühle mahlen lassen durften, die für ihren Hof zuständig war.

1899 ging die Mühle dann an Adam Windges über. Er ersetzte die überholte Dampfkraft durch Elektro- und später durch Dieselmotoren und betrieb sie fortan als Lohnmühle. Das heißt, dass die Bauern dort ihr eigenes Getreide gegen Lohn mahlen lassen konnten. Dabei behielt der Müller einen Teil des Getreides oder des Mehls als seinen Lohn ein. "Moltern nannte man diese Art zu bezahlen damals", erklärt Georg Bongartz, der mit seinem Bruder Josef schräg gegenüber der Mühle aufgewachsen ist. Georg Bongartz half als 14-Jähriger in der Mühle mit, nachdem der Schulbetrieb im Kriegsjahr 1944 eingestellt wurde. "In einem Mahlwerk wurde Roggenschrot gemahlen, in einem anderen Hafer zu Pferdefutter gequetscht", erinnert er sich. "Das machte einen Höllenlärm", fährt er fort. Im Krieg wurden Mehl und Tierfutter mit dem Pferdekarren ausgeliefert, später mit einem Holzkohlewagen. "Bis er ansprang, konnten bis zu 20 Minuten vergehen", sagt Josef Bongartz. Die Mühle hatte stets einen besonderen Stellenwert im Leben der Brüder: "Wir sind oft drüben gewesen und haben mit den Windges-Kindern gespielt", sagen sie.

1979 wurde der Mühlenbetrieb schließlich eingestellt. Heute deutet nicht nur der Straßenname darauf hin, dass dort Mehl gemahlen wurde, auch der konische Schornstein und die Radabweiser an dem Gebäude erinnern noch an frühere Zeiten. Ebenso wie das erzbischöfliche Wappen über dem Eingang. Es war einst am Mühlenturm angebracht und stammt noch aus der Zeit des Mühlenbanns. Nachdem die Mühle und das Herrenhaus in den vergangenen Jahren zu Wohnungen umgebaut und durch Neu- und Anbauten ergänzt wurden, stehen die Walzenstühle in dem neuen gläsernen Treppenhaus - wie in einer riesigen Vitrine.

Quelle: NGZ
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