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Korschenbroich
Zeitzeugen erinnern sich an "Stunde Null"

Korschenbroich: Zeitzeugen erinnern sich an "Stunde Null"
Marie-Luise Moers (86) und Josef Kamper (85) durchlebten die Kriegsjahre als Jugendliche. Damals waren sie Nachbarn. FOTO: Kandzorra
Korschenbroich. Vor 72 Jahren endete die Nazi-Diktatur in Deutschland. Korschenbroich wurde damals von US-Streitkräften befreit. Noch heute sind die Erinnerungen daran bei Marie-Luise Moers und Josef Kamper lebendig. Sie wohnten damals im Ortskern. Von Christian Kandzorra

Gestern vor genau 72 Jahren endet mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht der Zweite Weltkrieg. Die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten ist vorbei; im zerstörten Europa schlägt die "Stunde Null". Doch wie genau endet der Krieg in Korschenbroich? Was viele nicht wissen: Am Niederrhein wehen bereits neun Wochen vor dem 8. Mai 1945 weiße Fahnen. Es sind die Amerikaner, die bis zum 1. März des Jahres in ihrer groß angelegten "Operation Grenade" ("Unternehmen Granate") auch Korschenbroich befreien. Das Ziel der US-Streitkräfte: der Rhein, der für sie ein wichtiges Etappenziel auf ihrem Vorstoß nach Berlin ist.

Marie-Luise Moers, damals 14, und Josef Kamper, damals zwölf Jahre alt, zählen zu den wenigen Zeitzeugen, die sich noch an die Ereignisse um den 1. März in Korschenbroich erinnern. Sie sind Nachbarn und wachsen an der Steinstraße auf, dort, wo sich schon zu dieser Zeit der lebendige Kern der Kleinstadt befindet. "Für uns Kinder war es eine große Erleichterung, ja eine Befreiung, als die Amerikaner kamen", sagt Marie-Luise Moers, die damals noch mit Nachnamen Knepperges heißt.

In den letzten Kriegsmonaten häufen sich die Bombenangriffe: Korschenbroich liegt genau zwischen den Städten Mönchengladbach und Neuss, die besonders ins Visier der Alliierten rücken. "Wir sind jeden Abend zum Schlafen in den Luftschutzkeller gegangen und mussten alles verdunkeln", erzählt Josef Kamper. Er spricht von einer "fürchterlichen Zeit". Marie-Luise Moers ergänzt: "Das Brummen der Flugzeuge, aus denen die Bomben fielen, ist mir noch heute präsent." Außerdem erinnern sie sich an einige überzeugte Nazis in ihrer Heimat, an die Demütigung und Verfolgung jüdischer Nachbarn, an das Pogrom - und an ihre Schulzeit, in der manche Lehrer auch von ihnen den "Hitlergruß" verlangen.

Immer wieder fordern die Bombenangriffe auch in Korschenbroich Tote. Mit der Befreiung am 1. März 1945 enden die Angriffe - und damit alle Strapazen für die Bewohner, die zu dieser Zeit nicht an der Front kämpfen müssen. Meist sind es Frauen und Kinder. "Wir konnten endlich wieder beruhigt schlafen" sagt Marie-Luise Moers. Wenn viele den Männern der ersten und neunten US-Armee zunächst auch mit mulmigem Gefühl begegnen: Rasch weichen Sorgen der Erleichterung. "Bei uns in Korschenbroich ist kein einziger Schuss gefallen", sagt Kamper, der die langsam herbeinahenden US-Panzer damals mit drei Freunden beobachtet.

Doch nicht überall verläuft die Eroberung so friedlich: In Glehn etwa treffen die US-Soldaten noch am 28. Februar auf Widerstand, der nach Recherchen des Heimatforschers Martin Rüther (Schriften des Stadtarchivs Band 4) zwölf Tote auf deutscher und einen Toten sowie 13 Verwundete auf amerikanischer Seite fordert. Während sich NS-Funktionäre in sichere Gebiete absetzen, sterben Anhänger der verzweifelt aufgestellten "Volkssturm"-Einheiten einen sinnlosen Tod.

Ähnliches soll sich noch am 28. Februar in Kleinenbroich zugetragen haben: Nach Recherchen der Heimatforscherin Margrit Sollbach-Papeler ("Kriegsende 1945 im Kreis Neuss") leisten sich dort deutsche Soldaten ein letztes Gefecht mit den Amerikanern, das zwei "Volkssturm"-Männer mit dem Leben bezahlen. Unter heftigem Feuer ihrer Maschinengewehre rücken die US-Truppen ebenfalls am 1. März von Glehn her in das Dorf ein. Dabei geraten Gebäude durch Phosphor-Geschosse in Brand. In den Flammen stirbt ein Mädchen (16). Wie in Kleinenbroich hissen die Bürger auch in Korschenbroich als Zeichen der Ergebenheit kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner eilig weiße Fahnen. Moers erinnert sich: "Meine Mutter hat ein weißes Bettlaken herausgesucht, das auf dem Dach der Hannen-Brauerei wehte." Kurze Zeit später rollen die ersten Panzerkolonnen durch den Ort. "Als der erste Panzer anrollte, stockte uns der Atem. Er richtete das Geschütz genau in die Steinstraße. Wir dachten, er schießt. Aber dann öffnete sich die Luke und die ersten Soldaten stiegen aus", berichtet Kamper. Die Amerikaner beschlagnahmen schließlich einige Häuser und erteilen Ausgangssperren. "Die meisten der Soldaten waren aber nett. Manche haben uns später mit ihren eigenen Kindern verglichen, uns Schokolade und Apfelsinen geschenkt."

Für Moers und Kamper beginnt nach dem 1. März die Zeit des Wiederaufbaus. Sie haben überlebt.

Quelle: NGZ
 
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