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Krefeld
100 Jahre Leben - Hundertjährige berichten

Krefeld. Eine Ausstellung zeigt Porträts von 100-Jährigen und erzählt aus ihrem Leben. Die Wissenschaft streitet darüber, wie man sehr alt wird. Von Jens Voss

100 Jahre alt sein - auch wenn die Zahl der 100-Jährigen steigt, löst es immer noch ein leises inneres Beben aus, sich diese Lebensspanne vor Augen zu führen. Im Caritas-Altenheim Hanseanum am Hansazentrum ist jetzt eine Ausstellung mit Porträts von 100-Jährigen und Älteren eröffnet worden: Menschen, die bei wachem Verstand aus ihrem Leben und vom Altsein erzählen. Am Ende geht man beklommen nach Hause: Bei allen Positiv-Klischees über die angebliche Weisheit und Lebensfreude des Alters liegt doch über allem die Melancholie des sich anbahnenden Abschieds. Was nicht mit Depression zu verwechseln ist. Die Alten, die dort erzählen, sind erstaunlich nüchtern und eher humorvoll als bitter.

"Ich hatte ein schönes Leben", sagt etwa Georg Eschner, Jahrgang 1915 - von sich in der Vergangenheit redend. Hildegard Mathey (Jahrgang 1912) wird mit dem Satz zitiert: "Ich habe zwei Kriege mitgemacht. Da kommt die Bescheidenheit von selbst", und Maria Tippkämpfer (Jahrgang 1908) betont, dass sie sich auch mit 100 nicht gehenlässt: "Man weiß ja nie, was kommt. Und deshalb muss ich schick sein."

Der eigentliche inhaltliche Schwerpunkt der Ausstellung sind weniger die Porträts, die recht kleinformatig dargeboten werden, sondern der lesenswerte, mit schönen Fotos versehene Katalog. Dort werden die Porträtierten vorgestellt und ausgiebig zitiert, und zwar von verschiedenen Autoren. Beides bewahrt das Büchlein vor Schönfärberei, die man ja auch kennt, wenn es ums Alter geht.

Das fängt gemeinhin mit der Behauptung an, es gebe eine spezifische Alterweisheit. Darüber kann man trefflich streiten; es gibt auch Stimmen, die sagen, dass altersweise Menschen schon mit 20 weise waren. Im Gegenzug begegnet man Älteren, die so voller Klein-Klein-Aggressionen sind, dass man den Glauben an Altersweisheit verlieren kann. Das Alter schenkt wohl nicht jedem die Lässigkeit dessen, der im Angesicht vieler Lebensjahre Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden gelernt hat. Was das Alter auf jeden Fall bringt, ist die Erfahrung, alt zu sein. Keine Banalität; sich darauf vorzubereiten ist vermutlich genauso unkalkulierbar wie alle Schwellensituationen im Leben. "Es ist so schwierig mit vielen Menschen in meinem Alter", sagt etwa Georg Eschner (Jahrgang 1915), "viele sind einfach nicht mehr neugierig". Das ist ein Satz, der einem nachgeht. Einsamkeit ist schlimm; die Einsamkeit des hohen Alters ist wohl aufs Neue schlimm und ätzend wie am ersten Tag.

Wie wird man 100 Jahre alt? Die Porträtierten haben Antworten gefunden. "Ich bin nur 100 geworden, weil ich jeden Tag Kartoffeln esse", sagt Josef Höing, Jahrgang 1912; "ich war immer optimistisch", sagt die Krefelderin Wilhelmine Ridders (Jahrgang 1916); "ich habe nie Sport getrieben und eigentlich immer fettig gegessen", sagt Gertrud Siegmund (Jahrgang 1913). Die Wissenschaft ist sich uneinig. Die "Zeit" berichtete 2010 über eine Studie, die nahelegt, dass es vor allem die Gene sind. Demnach wurde das Erbgut von 801 Amerikanern, die zwischen 95 und 119 Jahren alt waren, mit dem von 926 jüngeren Menschen verglichen. Die Forscher betrachteten 300.000 Stellen in der DNA. Ergebnis: Es gibt nicht das eine Methusalem-Gen, aber eine Art genetisches Muster. Es schälten sich 150 Stellen im Genom heraus, an denen sich Menschen, die uralt werden, besonders häufig von anderen unterscheiden.

Allerdings spricht gegen die Simpel-Antwort "Die Gene sind's" der schlichte Umstand, dass die Zahl der 100-Jährigen in den westlichen Industrienationen steigt. Das liegt kaum daran, dass immer mehr Menschen mit guten Altersgenen geboren werden, sondern an den Lebensumständen wie Ernährung und medizinische Versorgung. Und so zitiert die "Welt" den Arzt Ulrich Bauhofer: Heute gingen Wissenschaftler davon aus, dass sich rund 30 Prozent des Alterungsprozesses auf genetische Faktoren zurückführen ließen; 70 Prozent hingegen seien auf die Lebensweise zurückzuführen, und zwar auf Ernährung, Bewegung, Regeneration, "Entgiftung" sowie Stressmanagement und Lebensfreude. Die Mischung aus Disziplin und Lebensfreude spielt auch bei den Menschen der Caritas-Ausstellung eine Rolle. "Wie man so alt wird?", fragt die Krefelderin Gertrud Hopp (Jahrgang 1915), "ich habe immer viel gearbeitet, viel Sport getrieben und auf meine Kleidung und mein Äußeres geachtet. Und man muss zufrieden sein." Und bei Josephine Klein (Jahrgang 1913) ist rheinisch-fröhliche Unverwüstlichkeit spürbar: "Ich bin mein ganzes Leben ein kölsches Mädche geblieben."

So vermittelt diese Ausstellung die Hoffnung, dass auch das ganz hohe Alter keine trostlose Wüste ist. Zu den härtesten Zitaten, die man lesen kann, gehört ein Satz von Margret Verheyen (Jahrgang 1913): "Wissen Sie, mit 100 hat man keine Wünsche und keine Träume mehr. Allen meine Freunde und Bekannten sind tot." Sie sagt aber auch dies: "Neulich habe ich geträumt, dass zwei Gestalten an meinem Bett standen. Ich dachte, jetzt holt er mich, der Tod. Doch plötzlich waren das nur zwei Schutzengel."

Quelle: RP
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