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Krefeld
366-PS-Kraftprotz verleiht Unabhängigkeit

Krefeld: 366-PS-Kraftprotz verleiht Unabhängigkeit
Im Jahr 2012 entstand eine 60 mal 20 Meter große Halle, in der auch der Weizen gelagert wird. Auf dem Dach ist eine große Fotovoltaikanlage. FOTO: samla.de
Krefeld. Mähdrescher fahren ist für manche Jungen ein Traum wie Bagger fahren oder Lokführer werden: Landwirt Hans-Josef Pipper hat sich den Traum erfüllt. Der 32-jährige Diplom-Ingenieur für Agrarwirtschaft hat einen eigenen 250.000 Euro teuren Deutz Fahr 5695 HTS mit sechs Meter breitem Schneidwerk in der Scheune stehen. Von Norbert Stirken

Am Mähdrescher hängen für den Krefelder Bauern eine Menge Emotionen: Der grüne, elektronisch hochgerüstete Kraftprotz der Firma Deutz erinnert das 32-jährige Familienoberhaupt, das den elterlichen Betrieb in fünfter Generation führt, an den vor wenigen Monaten verstorbenen Vater. Für den zählte das Ernten des Getreides zu den Lieblingsbeschäftigungen seines Berufs. Der Sohn sieht es etwas nüchterner, schätzt aber die Unabhängigkeit von Lohnunternehmern, die ihm eine eigene Erntemaschine verleiht. "Das ist wie bei einem Sportler, der sich monatelang auf den Saisonhöhepunkt vorbereitet und dann auf der Ersatzbank sitzt und zuschaut, wie andere im Finale die Kastanien aus dem Feuer holen", berichtet Pipper. Er säe, dünge, hege und pflege und überlasse die Ernte dann Dritten. Das passt für den Traarer nicht.

Mähdrescher fahren und Mähdrescher bedienen sei darüber hinaus zweierlei. Man kann so viel falsch machen. Es reicht nicht, den Motor in Gang zu setzen und los ins Feld zu fahren. Um den optimalen Ertrag und beste Qualität zu erzielen und weder Halme noch Körner zu verletzen, bedarf es viel Erfahrung und Feingefühl sowie Wissen schlechthin.

Agraringenieur Hans-Josef Pipper fährt mit dem Mähdrescher ins Weizenfeld. FOTO: samla.de

Pipper weiß unheimlich viel. Er kann mehrere Stunden interessant und unterhaltsam über ein Getreidekorn erzählen. Darüber wie der Boden vorbereitet werden sollte; welche Sorte guten Ertrag verspricht; wann die beste Zeit für die Aussaat ist; wie der Halm Stabilität bekommt, dass er eine prall mit Körnern gefüllt Ähre trägt.

Pipper hat direkt neben dem 1887 gebauten Hofgebäude ein Getreidetestfeld angelegt. 18 verschiedene Weizensorten stehen dort, fein säuberlich mit Schildern versehen. "Das ist wie eine Tupper-Party für Bauern, wenn die Kollegen drei- bis viermal im Jahr zu mir nach Traar kommen, um die Pflanzen zu begutachten und zu fachsimpeln", sagt der studierte Landwirt.

Die Welle führt das Getreide gleichmäßig zur Mitte hin zum Einzugskanal und darüber zur Dreschtrommel im Innern des Deutz-Mähdreschers. FOTO: samla.de

Welche Sorte ist anfällig gegen welchen Pilz, welche wächst dicht mit kleineren Ähren, welche licht mit größeren Ähren? Wenn Pipper auf dem Mähdrescher sitzt, um Gerste oder Weizen als Tierfutter überwiegend für eigene Sauen und Ferkel zu ernten, dann liegen Wochen und Monate voller Arbeit hinter ihm. Und auch vor jeder Fahrt muss er den drei Meter breiten, vier Meter hohen und 9,70 Meter langen (ohne Schneidwerk) Koloss mit 366 PS und einem Dieselverbrauch von rund 30 Litern pro Stunde gründlich in Augenschein nehmen. Einiges übernimmt die Elektronik - zum Beispiel werden zahlreiche bewegliche Teile automatisch mit Fett geschmiert. Anderes muss er selbst übernehmen. Etwa dafür sorgen, dass kein Motor überhitzt, keine Mechanik unzureichend gekühlt wird. Dazu wird mit Druckluft der Staub des Strohs von den Schutzgittern gepustet. Mindestens genau so wichtig ist die Prüfung der Feuchtigkeit im Korn. Ist zu viel Wasser enthalten, kleben die Körner so fest in der Spelz, dass sie beim Dreschen gar nicht oder nur schwerlich getrennt werden können. Außerdem besteht die Gefahr, dass das Getreide schimmelt. Aber auch dann, wenn die Bedingungen gut und das Getreide trocken genug ist, müssen die Rüttel- und Schüttelsiebe, die Dreschtrommel und alle Variabeln am Mähdrescher so eingestellt werden, dass sie optimal für die unterschiedlichen Sorten, für den Reifegrad, die Körnergröße und Halmdicke eingestellt sind. "Der Popo-Sensor ist mitunter zuverlässiger als alle Technik und Sensorik", erzählt ein Bekannter des Traarer Bauern. Ziel ist, dass nicht mehr als ein Prozent der Körner mit dem Stroh aufs Feld fallen. Anzeigen im klimatisierten Führerhaus verraten dem Fahrer, wenn die Quote höher ist. Dann kann er das aufgelockerte Stroh mit den noch nicht erwischten Körnern über Kanäle im Mähdrescher ein zweites Mal zur Dreschtrommel leiten.

Pipper hat am Stroh wenig Interesse. Er hält keine Pferde und benötigt es nicht als Streu. Sein Deutz häckselt die Halme direkt und pustet sie über eine Breite von sechs Metern als Dünger aufs Feld, für die Kleinlebewesen und für Humus. Die Körner landen in einem Tank, der rund acht Tonnen Weizen fasst. Meist wird die Ernte aber gleich in einen Traktor mit Hänger gefüllt, der neben dem Mähdrescher her fährt. 130 Hektar muss Pipper bearbeiten. Für einen Hektar benötig er ungefähr eine Stunde, manchmal auch weniger. Der Ertrag liegt bei rund acht Tonnen auf 10.000 Quadratmetern. Dafür bekommt der Landwirt 1120 Euro. Das sind 14 Euro für den Doppelzentner.

Der Hof an der Stadtgrenze zu Moers ist uralt. Das Wohnhaus stammt aus dem Jahr 1887, die Scheune ist noch älter. Landwirt Hans-Josef Pipper hält dort bis zu 150 Zuchtsauen und baut Zuckerrüben und Getreide an. FOTO: JHP

Die Saison für die Arbeit auf dem Mähdrescher ist kurz. Vielleicht zehn Tage im Jahr. Das liegt daran, dass immer weniger Arten auf den Feldern am Niederrhein stehen.

Quelle: RP
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