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Krefeld
80 Jahre Gemeinschaft in Freude und Leid

Krefeld: 80 Jahre Gemeinschaft in Freude und Leid
Der Vorstand der Nachbarschaft mit (v.l.) Florian Effertz, Bodo Becker, Karin van Heek und Josef Jenkes. Es fehlt Michael Viefers. FOTO: NR
Krefeld. Sie nennen sich einfach und bescheiden "Nachbarschaften", sind aber weit mehr: Die Anwohner leben Gemeinschaft, jede Familie kennt die andere; sie freuen sich bei gemeinsamen Festen oder Ausflügen und stehen auch in Zeiten von Not und Trauer zusammen. Eine solche Nachbarschaft ist die, die sich den Namen ihrer damaligen "Rheinstraße" gegeben hat und am Samstag ihr 80-jähriges Bestehen feierte. Ein Blick in Gegenwart und Historie.

Bei schönem spätsommerlichen Wetter feierte die Nachbarschaft "Rheinstraße" - heute Rektoratsstraße bis hinunter zum Königspark - am Samstag ihr Jubiläum. Die Gemeinschaft umfasst aber auch Anlieger benachbarter Straßen. "Im Vorfeld haben mich auch Familien der näheren Umgebung angesprochen, die neu zugezogen sind und fragten, ob sie beim Fest und auch künftig mitmachen dürften", berichtet Bodo Becker, der Vorsitzende der zurzeit 130 auch junge Familien umfassenden Nachbarschaft. Natürlich waren auch die Neuen - Erwachsene und Kinder - dabei.

Becker ist seit 2010 in diesem Amt. Ihm zur Seite stehen Michael Viefers, Karin van Heek, Florian Effertz und Josef (Jupp) Jenkes. In jedem Jahr werden der Neujahrskaffee mit den Sternsingern gefeiert, ein Grillfest und die Fahrt zu einem Weihnachtsmarkt veranstaltet. Hinzu kommen Events wie die viertägige Berlin-Reise im vergangenen Jahr oder Radtouren zu unterschiedlichen Orten. Höhepunkte sind immer wieder das Rosendrehen und das Schmücken der Häuser zu Schützenfesten, besonderen kirchlichen Anlässen und Hochzeiten. Bei Familie Wilms werden die Rosen von vielen Frauen der Nachbarschaft gefertigt, während die Männer sich dann beim Anbringen hervortun.

Angefangen hatte die Geschichte der Nachbarschaft am 8. März 1936, als die Rheinstraße durch die Nazis in Schlageterstraße umbenannt worden war. Anwohner setzten sich an diesem Tag in der Gaststätte Görtz - an derselben Straße - zusammen und beschlossen, eine Nachbarschaft zu gründen. Es wurde ein Buch im DIN-A 4-Format angelegt, in dem die Beschlüsse und Ereignisse schriftlich festgehalten wurden. Dort steht als erster Eintrag: "Zweck und Ziel des Zusammenschlusses ist, den Gemeinschaftsgeist zu pflegen. Bei feierlichen Anlässen, Kirchlicher oder Weltlicher Art, für die Ehrung von Nachbarn und Ausschmückung der Straße in würdiger Weise Sorge zu tragen. Bei Not und Krankheit beizustehen, Freud und Leid miteinander zu teilen." Zum 1. Vorsitzenden wurde Hubert Lonny gewählt. Schriftwart und Inhaber des Stammbuches war Jakob Lichtenberg.

Der Nachbarschaft gehörten damals 109 Familien an. Noch heute leben in der Nachbarschaft zwei Frauen und zwei Männer aus der Gründerzeit: Hanni Bongartz, Julia Boehm, Karl-Heinz Lichtenberg und Willi Viefers. Sie erinnern sich gerne an die gute alte Zeit, als an warmen Sommerabenden die Männer auf den Dörpeln und Frauen auf Stühlen vor den Häusern saßen und miteinander redeten. Für die Kinder gab es nach den Schulaufgaben nie Mangel an Spielkameraden auf der Straße. Vor allem der untere, breitere Teil der Straße gehörte den Kindern. Autos gab es nicht. Nur ab und zu kam ein Bauer mit seinem Ochsenkarren vorbei. Das störte nicht beim Hinkeln, Doppschmecken und schon gar nicht auf der Wiese vor dem Kriegerdenkmal beim Fußballspielen, das natürlich da verboten und darum so spannend war.

1937 fand das erste Kinder- und Sommerfest in der Gaststätte Korting in Orbroich statt. Auch die Kinder des Waisenhauses auf der Schlageterstraße waren dabei. Gut in Erinnerung ist auch das Goldene Priesterjubiläum von Pastor Johannes Wolters. Er wurde von den sogenannten "Witten Weetern" (Weiße Kinder) auf dem Weg zur Kirche begleitet.

Die Kriegsjahre verschonten die Schlageterstraße nicht. Viele junge Männer und Frauen wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Einige von ihnen fielen an den verschiedenen Kriegsfronten, andere kamen verletzt und krank heim. Aber die Nachbarschaft hielt hilfsbereit zusammen. Nach dem Ende des Krieges fand die erste Jahreshauptversammlung in der Gaststätte Wahlen am 15. August 1945 statt. Dort wurde der bekannte Rektor der Hülser Knabenschule, Anton Schroers, zum 1.Vorsitzenden gewählt. Die Straße hatte ihren alten Namen "Rheinstraße" wieder. Anton Schroers behielt diesen Posten 22 Jahre lang! Ihm folgten Klaus Eliasmöller, Rolf Effertz und Karl-Heinz Lichtenberg - und jetzt Bodo Becker.

Quelle: RP
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