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Krefeld
Alles Atze: Über Frauen und Grünkohl

Krefeld. Ruhrgebietsprolet Atze Schröder erläuterte am Valentinstag im ausverkauften Königpalast, wie man richtig fremdgeht. Wichtig: Es muss sich lohnen, lernten die vielen Paare im Publikum. Von Henning Rasche

Wie er da schon steht! Eine überdimensionierte Gürtelschnalle über der Jeans, auf der, wirklich wahr, "ATZE" steht, Cowboystiefel, Dauerwellenperücke, blau getönte Brille - und ein T-Shirt aus dem eigenen Fanshop. Das gibt es doch nicht. Der Mann ist jetzt 50 Jahre alt und sieht immer noch so aus wie vor zehn oder 15 Jahren. Er ist nicht schlanker und nicht dicker geworden, nicht grauer und nicht faltiger. Und vor allem ist er immer noch der gleiche, der seit eh und je auf Tournee geht, Sprüche klopft, Witze unterhalb der riesigen Gürtelschnalle reißt und "Ja, nee, is klar" sagt.

Atze Schröder ist ein Phänomen. Ist er jetzt wirklich 50, heißt er wirklich Thomas Schröder und wohnt wirklich in Essen-Kray? Schröder ist eine Kunstfigur und das ist ein Vorteil für einen Comedian. So etwas lässt größtmögliche Distanz zu: zwischen der Person ohne Perücke und der Person, die sich auf der Bühne sehr oft an die Gürtelschnalle fasst und sagt: "Der DFB-Sportdirektor Hansi Flick hat sich extra ein L in seinen Nachnamen einbauen lassen." Wer dieser Atze Schröder ist, wissen die Zuschauer im ausverkauften Königpalast nach knapp zwei Stunden Show auch nicht.

Was sie allerdings wissen sollen: Wie man richtig fremdgeht. Bei seinem nunmehr zwei Jahre alten, gleichnamigen Bühnenprogramm erläutert Schröder am Valentinstag seinem weit überwiegend aus Pärchen bestehenden Publikum, wie das eigentlich funktioniert, den anderen zu betrügen. Um allen, die auf praktische Lebenshilfe spekuliert haben, die Hoffnung zu nehmen: Wirklich klüger wird man durch Atze Schröder natürlich nicht. Was man allerdings lernt ist, dass sich nicht erwischen zu lassen, nicht das wichtigste ist. Viel wichtiger: Fremdgehen muss sich lohnen.

Atze Schröder ist Bühnenprofi. Er macht das ja alles schon sehr, sehr lange. Im naiven Glauben, dass er noch immer in seinem RTL-Kiosk mit Murat, Biene, Harry und Viktor lebt, lässt Schröder die verklärte Ruhrgebietsromantik aufleben. Er "sacht mal so" und hat manchmal "Druck auffe Therme". Er sagt: "Ja, nee", hält dann das Mikrofon ins Publikum und das antwortet dankbar: "Is klar." Wenn Schröder Applaus haben will, dann redet er zwar weiter, lässt aber das Mikrofon immer weiter herabsinken, so dass man nichts mehr hört, bis einfach alle anfangen zu klatschen. Das Programm ist nach zwei Jahren natürlich nicht mehr das neueste. Schröder ist um Aktualität bemüht, wenn er Menderes als Dschungelkönig einbaut oder die Handballeuropameister. Aber Witze über die Fußballweltmeisterschaft oder die Griechenlandkrise sind nicht mehr ganz so frisch. Dem Publikum ist das aber auch nicht so wichtig. Es liebt seinen Atze, der unbeirrt Klamauk macht und für alle Männer mal zwei Stunden lang stellvertretend den Macker mit der "Königskobra" in der Hose gibt.

Wer den Humor von Atze Schröder verstehen will, der hat es nicht leicht. Denn Schröder versucht, auf die komplexe Publikumsstruktur einzugehen und Witze pro Zielgruppe zu platzieren. Rita Süssmuth etwa, die man noch zur "Bewachung von Samen" einsetzen könne, kennt ja kaum noch jemand. Boris Becker, Justin Bieber, Simone Thomalla, Elyas M'Barek - es ist doch für jeden ein Schmankerl dabei. Über Andrea Berg jedenfalls, dieses Geheimnis verrät Schröder, erfährt man, dass "niemand Backstage so viel Jägermeister trinken kann wie sie". Prost. Was auch prima ankommt, sind Schröders Ortskenntnisse. Er mobbt den Bauern aus Tönisvorst oder will mit George Clooney nach Uerdingen ziehen. Krefeld, so lernt man, ist die Fremdgehstadt Nummer eins. "Das Venedig des Nahen Ostens", also.

Und, wie geht man nun richtig fremd? "Liebe erkennt man daran, dass Treue Spaß macht", sagt Schröder als letzten Satz vor der Zugabe. Das läuft dem vorherigen Programm zuwider und nimmt, ganz gewollt, die Schärfe raus. Wer will schon am Valentinstag, der seine Prominenz der Blumenindustrie zu verdanken hat, mit dem Partner darüber diskutieren, wer bei welchem Gag lauter gelacht hat. Man möchte sich das nicht vorstellen, was da für Gespräche auf der langwierigen Fahrt vom Parkplatz ins heimische Bett geführt werden.

Eine gute Frau, das kann man sich ins Poesiealbum fürs Leben schreiben, ist wie guter Grünkohl. "Da muss der Frost zweimal drüber gegangen sein", sagt Schröder. Wahnsinn, die Menschen sind aus dem Häuschen. Sie kaufen auch fleißig Schröders Fanartikel und tragen wie selbstverständlich einen Kapuzenpullover mit "Ja nee, is klar"-Aufschrift für 40 Euro oder das gleiche T-Shirt wie Atze für 20.

Immerhin liefert Atze noch eine Lösung für alle Fremdgeh- und sonstigen Probleme dieser Welt: Ein Leben wie die Bonobo-Affen, die sich überall und stets an allen bedienen. Es wäre das Ende der Monogamie, das Ende des Fremdgehens. Einverstanden, aber worüber zur Hölle spricht Atze dann beim nächsten Mal?

Quelle: RP
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