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Krefeld
Als die Nazis den Karneval stehlen wollten

Krefeld. Wenn Sonntag in der Dionysiuskirche ein karnevalistischer Gottesdienst stattfindet, betonen die Krefelder Karnevalisten den christlichen Kern des Karnevals. Das ist gut so, denn der Spaß verflacht, wenn er nur noch eine Fete ist. Ein Streifzug durch die Geschichte des Karnevals. Von Jens Voss

Zu den unausrottbaren Irrtümern über den Karneval gehört, dass er etwas mit germanischem Brauchtum zu tun hat. Dabei ist dieser Glaube nur die Spätfolge eines Coups von Joseph Goebbels: Hitlers Propaganda-Minister hatte die Devise ausgegeben, den Karneval zu entchristlichen. Heute steht solche Ideologisierung nicht mehr zu befürchten, heute droht der Karneval zu verflachen: zur Riesenfete. Wenn das Festkomitee Krefelder Karneval (FK) und die Arbeitsgemeinschaft Krefelder Karnevalisten (AKK) für morgen, Sonntag, 11.30 Uhr, erstmals zu einem karnevalistischen Gottesdienst in die Stadtkirche St. Dionysius einladen, dann ist das eine Rückbesinnung auf den geistigen Kern des Karnevals.

Für Volkskundler ist klar: Alles am Karneval ist christlichen Ursprungs; die Terminierung im Winter hat nichts mit vorchristlichen Jahreswendfeiern zu tun, sondern mit der Systematik des christlichen Kalenders. Die Nazis freilich wollten den vermeintlich germanischen Kern im Karneval herausarbeiten – eine glatte Geschichtsfälschung. Der Kölner Amtsrat Joseph Klersch überliefert, wie die NSDAP im November 1933 die Weisung ausgab, "dass die innere Beziehung des Festes zum kirchlich-christlichen ,Fastabend' zu negieren und zu verwischen sei, dafür aber der Zusammenhang mit der alten dämonischen ,vasenacht' umso stärker herausgestellt werden sollte". Die Nazi-Partei bemühte sich darum, die angebliche Verbindung zum germanischen Dämonenglauben zu belegen. Ein Beispiel: In Hitlers Hetzblatt, dem "Völkischen Beobachter", erschien am 3. März 1935 ein Artikel, in dem das Wort Fasnacht etymologisch nicht mehr auf das christliche "Fasten" zurückgeführt wurde, denn, so hieß es: "Beim Fasching handelt es sich um ein allerfrühestes Fest der Völker, Jahrtausende älter als die fastende Christenheit." Es war eine Behauptung ohne Belege.

So penetrant wurde die Nazi-Propaganda über die arisierte "Deutsche Fastnacht", dass der Münchner Kardinal Michael Faulhaber anlässlich des Silvestergottesdienstes 1934 dagegen anging und erklärte: "Der Karneval, früher eine Vorfeier der kirchlichen Fastenzeit, hat sich von der Kirche losgesagt und wird, eigentlich als Irrläufer und ohne inneres Recht, auch von jenen heute gefeiert, die die fleischlosen Fasttage der Kirche nicht mitmachen."

Die Nazi-Propaganda konnte deshalb so erfolgreich sein, weil die Nähe zum Jahreswechsel und vermeintlich urwüchsige Fastnacht-Traditionen (die keiner mehr verstand) irgendwie germanisch anmuten konnten. Es war aber falsch. Allen Karnevalsdetails liegen christliche Deutungsbausteine zugrunde. Selbst die Schellen am Narrenkostüm werden auf die berühmte Stelle im Paulus-Brief an die Korinther (Kapitel 13) zurückgeführt, in der es heißt: "Selbst wenn ich mit Menschen- und Engelszungen reden würde, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle."

Auch der Narr ist dem Ursprung nach keine Frühform des politischen Satirikers. Die ersten Narren-Bilder tauchen seit dem 13. Jahrhundert in Psalter-Handschriften auf. Der Narr ist darin kein hellsichtiger Karikaturist, sondern ein Gottesleugner, "des tüfels kynd", wie Sebastian Brant (1457-1521) in seinem "Narrenschiff" schreibt. Schritt für Schritt wachsen der Narrenfigur bis ins 16. Jahrhundert die Insignien zu, die wir heute kennen: Schelle, Spiegel, Narrenkostüm. Spiegel und Narrenzepter (das ja ein Bildnis des Narren ist) waren Symbole für die Selbstliebe des Narren, für seine Unfähigkeit, seinen Nächsten und Gott zu lieben.

Gott erkennen – darum geht es auch im zentralen Aufriss des Karnevals: erst feiern, dann fasten. Die Volkskundler gehen davon aus, dass dieser Zweischritt vom Zwei-Staaten-Modell des Kirchenvaters Augustin (354–430) inspiriert ist: Augustin deutet die Geschichte als Kampf zwischen irdischem und göttlichem Reich; eben dieses Drama machte der Karneval, wie er seit dem Spätmittelalter entstanden ist, sichtbar. Als ein Beleg dafür gilt das Gemälde "Kampf zwischen Fastnacht und Fastenzeit" von Pieter Brueghel d.Ä. (gest. 1569). Das wüste Fastnachttreiben stellt demnach den unerlösten, chaotischen Zustand der Welt dar – samt der Herrschaft des Teufels und seiner Narren. Hier liegt der Ursprung des Verkleidens.

Die Fastenzeit symbolisierte dann die Herrschaft der "Civitas Dei", des Gottesstaates. Erst das 19. Jahrhundert ergänzte die christlichen Bezüge durch säkulare, weltliche: Der Narr wurde zum Widerpart der Mächtigen; das närrische Treiben zum Triumph über die Mühe des Alltags. Das alles ist nicht falsch; doch ist es gut, an den christlichen Kern zu erinnern. Sonst ist das Fest irgendwann nur noch eine Ansammlung verrückter Tage ohne Sinn, ohne Verstand –und damit auch ohne Frohsinn.

Unsere Darstellung folgt zwei Veröffentlichungen: - Narren, Schellen und Marotten. Elf Beiträge zur Narrenidee, herausgegeben von Dietz-Rüdiger Moser - Dietz-Rüdiger Moser: Fastnacht, Fasching, Karneval. Das Fest der "verkehrten Welt". Edition Kaleidoskop, Graz 1986

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