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Krefeld
Als Fußball noch Klassenkampf war

Krefeld: Als Fußball noch Klassenkampf war
Am 12. März 1950 spielte der BV Union Krefeld vor 25 000 Zuschauern auf dem legendären Bökelberg gegen Borussia Mönchengladbach. Der Krefelder Peter Wermes, der im berühmten Notizbuch von Nationaltrainer Sepp Herberger stand, schießt aufs Tor. Union verlor das Spiel mit 1:2 Toren. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Der 77-jährige Werner Mickerts hat in 17 Bänden und auf mehr als 15.000 Seiten die Vereinsgeschichte des BV Union Krefeld von 1905 dokumentiert. Die im Stadtarchiv hinterlegte Sammlung vermittelt auch ein Stück Sozialgeschichte. Von Norbert Stirken

Mehr als 10.000 Zuschauer strömten nach dem Krieg in die Grotenburg, wenn die Vertragsmannschaften des BV Union Krefeld im Lokalderby gegen den KTSV Preussen Krefeld antrat. Das Kräftemessen auf dem Fußballplatz wurde in den 1950er Jahren zum geordneten Klassenkampf zwischen dem Arbeiterklub Union und den Preussen, die ihren Zulauf aus dem Bildungsbürgertum und dem Mittelstand hatten. Auf der einen Seite Menschen mit dem Dreck harter Arbeit im Stahlwerk unter den Fingernägeln und auf der anderen Seite diejenigen, die eher mit einem Tintenfleck an der gestärkten weißen Manschette sich nach Feierabend auf den Heimweg machten. Spiele zwischen Union und Preussen stehen aus heutiger Sicht für ein bedeutendes Stück Krefelder Sport- und Sozialgeschichte.

Tief in die Historie des BV Union Krefeld eingetaucht ist Werner Mickerts. Der frühere Mitarbeiter der Stadt Krefeld im Vermessungs- und Katasteramt sammelt und forscht seit mehr als 20 Jahren für die Vereinschronik. Sein Vater Reinhold infizierte den heute 77-Jährigen mit dem Virus Fußball und dem Virus Union. Noch zu seiner beruflich aktiven Zeit im Stadthaus nutzte Werner Mickerts eine Mittagpause, um im benachbarten Stadtarchiv nach Unterlagen über den BV Union zu gucken. "Das war eine Fundgrube ersten Ranges", sagt der Ruheständler und Fan von Borussia Mönchengladbach.

Mittlerweile hat er mehr als 15 000 Seiten in 17 Bänden von 1905 bis 2005 archiviert. Die zehn Jahre bis heute sind in Arbeit. Vor allem der Bildband, den er zum 100-jährigen des Klubs erstellt hat, ist ein atmosphärisch dichtes Zeugnis einer Zeit, in der der Fußball den Menschen Selbstbewusstsein gab. Der überraschende Sieg der deutschen Nationalmannschaft 1954 bei der Weltmeisterschaft gegen Ungarn unter der Regie von Trainer Sepp Herberger ist ein epochales Ereignis, das diese These stützt. Damals standen auch Spieler des BV Union in dem berühmten Notizbuch Herbergers. "Peter Wermes war ein flinker Spieler, der einen Einsatz in der Nationalelf verdient gehabt hätte. Leider fehlte ihm der Ehrgeiz", sagt Werner Mickerts. Hansi Baum, Hermann Wefels, Edi Wichmann, Heini und Gerhard Jansen sind weitere Namen, die für den sportlichen Höhenflug des BV Union Krefeld standen. Viele davon kickten anschließen für Borussia Mönchengladbach und Fortuna Düsseldorf.

Zu ihrer Krefelder Zeit jagten die Akteure in voll besetzten Arenen wie der Edelstahlkampfbahn an der Gladbacher Straße und der Grotenburg gegen die Westdeutschen Traditionsclubs dem Leder nach. Rot Weiß Oberhausen, FC Schalke 04, Rheydter Spielverein und viele andere gaben in der Seidenstadt ihre sportlichen Visitenkarten ab. Aber auch namhafte Vereine anderer Regionen forderten den BV Union heraus. Am 16. August 1954 besiegten die Krefelder zum Beispiel Eintracht Braunschweig in der voll besetzten Grotenburg mit 4:0.

Werner Mickerts hat akribisch und penibel mehr als 100 Jahre Vereinsgeschichte erforscht und Quellen zusammengetragen. Egal, ob sich die Fußballer und die anderen Abteilungen gerade im sportlichen Tal oder auf Erfolgskurs befanden. Vollständigkeit lautet die Arbeitsmaxime des 77-Jährigen. Und so füllen Seite um Seite auch die Zeiten, als die Mannschaften im Senioren- und Jugendbereich ihre Stärken allenfalls auf Kreisebene unter Beweis stellen konnten.

Für Kenner des Krefelder Amateurfußballs ist die Sammlung eine wahre Fundgrube. Da taucht unter anderem ein Kurt "Kon" Schramm als C-Jugendlicher im schwarz-weißen Dress auf. Jener Kon Schramm, der bei Norbert Pflippen, dem ersten Spielerberater der Republik, das Geschäft erlernte. Pflippen hatte sie alle unter Vertrag - von Günther Netzer über Lothar Matthäus bis Matthias Sammer, aber auch Größen aus anderen Sportarten wie Henry Maske. Schramm machte sich selbstständig und vertritt zum Beispiel den Publikumsliebling Lukas Podolski.

Jahrzehnte spielte der BV Union eine gute und wichtige Rolle in den oberen Ligen des Amateurfußballs, brachte viele Talente hervor, die unter anderem später bei einem anderen wichtigen Krefelder Fußballclub die Schuhe schnürten - dem FC Bayer 05 Uerdingen.

Aber da hatte sich der Fußball schon längst verändert. Es ging um Geld, um Fernsehhonorare und Marketing. In modernen Stadien sitzen Akademiker und Arbeitslose Seite an Seite und feuern ihre Farben an. Vorbei sind die Zeiten, in denen die 90 Minuten eine Art friedlichen Klassenkampf bedeutet hatten - wie im Derby der Arbeiter des BV Union gegen die Mittelständler des KTSV Preussen.

Quelle: RP
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