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Krefeld
Als Kind '45 geflohen - als Teenager ein Weltenbummler

Krefeld. Maria Otto musste als Kind die sudetendeutsche Heimat verlassen - doch sie war stärker als dieses Trauma und zog als junge Frau in die Welt hinaus. Sie lebte in der 50ern vor, was erst Jahrzehnte später europäischer Alltag wurde: Wie schön es ist, andere Länder kennenzulernen. Von Jens Voss

An einem Punkt der Erzählung hat man plötzlich diese Frau vor Augen: Eigentlich jung genug, um noch einmal neu anzufangen. Vielleicht Mitte 30; heute kein Alter. Doch sie hatte zwei Töchter, war verwitwet, musste schwer arbeiten, und die Mädchen brauchten ganz sicher eine Mutter, aber es war sehr unsicher, ob und wie sie einen neuen Vater verkraften würden. So fügte diese Frau sich, verzichtete auf eine neue Ehe, arbeitete schwer und vergoss Tränen erst, als ihr Körper bei der Arbeit nicht mehr mitspielte. Parkinson.

Wenn Maria Otto von ihrer Mutter erzählt, löst sich Zug um Zug das Gefühl auf, die Geschichte zu kennen. So oft hat man auf die eine oder andere Art Geschichten von Vertriebenen gehört, dass man meint, sie zu kennen. Man kennt sie nicht. Jede Flucht hat ihren eigenen Fluch. Hier tritt eine tapfere Frau vor Augen, die annimmt, was zu tun ist, um ihre Lieben durchzubringen. Marias Mutter war in ihrer sudetendeutschen Heimat Gutsbesitzerin, bewirtschaftete einen Hof allein, weil ihr Mann in Hitlers Krieg ziehen musste und dort starb. Dann die Vertreibung; die Frau, die beiden Kinder und die Eltern der Mutter verschlug es in einen kleinen Ort im hessischen Odenwald. Dort heuerte die Mutter als Landarbeiterin an. Das war es, was sie konnte.

Auch bei der Erzählung von Tochter Maria, die zu Hause Mizzi gerufen wurde, überraschen die Zwischentöne. Die Schrecken des Krieges sind das eine, die rührenden Anekdoten aus der Kindheit auch: Als ihre Familie während der Nazizeit verbotenerweise nicht nur ein Schwein schlachtete, sondern drei, und die überzähligen Köpfe, Füße und Schwänze vergrub, erzählte die kleine Mizzi dem kontrollierenden Polizisten vorwitzig, ein Schwein hätte zwei Schwänze gehabt. Es ging gut, aber die Kleine wurde für eine Weile mit Verachtung gestraft. Kindheit minus Hitler im Sudetenland wäre pures Bullerbü-Glück geblieben. Das ist das eine, wie gesagt. Mizzi war acht, als sie ihre Heimat verlassen musste.

Das Andere aber ist der Hunger nach Leben, nach Freiheit - auch wenn das etwas pathetisch klingen mag. Maria Otto berichtet, dass sie und ihre Familie von den Menschen im Odenwald gut aufgenommen wurden; sie hatten wenig, aber das spielte keine Rolle. Nur einmal hat sie sich regelrecht geprügelt - mit einem Jungen namens Ernst, der sie als Pack hänselte. Sie hat gewonnen: "Ich hatte alle Kraft der Welt", sagt sie. Ernst muss ordentlich Dresche bezogen haben. "Wir haben später oft darüber gelacht", sagt sie und lacht wieder. Die Prügelei blieb heitere Episode unter Kindern. "Ich war eigentlich glücklich im Odenwald", sagt Maria, und es klingt fast ein bisschen entschuldigend. In den 50-er Jahren hat sie als junge Frau auf fast prophetische Weise Europa vorweggenommen, gerade so, als steckte die Zukunft schon in ihr drin. Sie, die in der Schule fleißig und die beste Schülerin des Kreises war, wollte vorankommen. Sie zog mit 14 Jahren aus der hessischen Provinz zu Onkel und Tante nach Frankfurt, machte dort eine Lehre; ging dann als Au-pair-Mädchen nach Bristol, später nach Paris, lebte eine Zeit lang in München und ging schließlich mit ihrem Mann über Frankfurt nach Krefeld. Eine Weltenbummlerin für damalige Verhältnisse, als man noch nicht per Billigflieger mal eben kreuz und quer durch Europa fliegen konnte.

In Krefeld bildete sie sich - mittlerweile Mutter von drei Töchtern - zur Religionslehrerin fort, engagierte sich als Kommunalpolitikerin in der Bezirksvertretung und wurde Krefelds bekannteste Trödlerin für soziale Zwecke. Den Glauben hat sie nie verloren, als Sudetendeutsche war sie tief verwurzelt im Katholizismus. Der Glaube hat sie getragen, sagt sie. Überblickt man ihr Leben, denkt man: Mindestens genauso mag sie ihre Jugend getragen haben. Sie war, anders als ihre Mutter, jung genug, um neu anzufangen. Die Flucht fiel zusammen mit dem Aufbruch in eine neue Welt, in die Welt überhaupt. Europa war schon ein Versprechen für die Jugend, das noch eingelöst werden musste.

Wenn sie, die heute 78-Jährige, erzählt, hat man den Eindruck: Sie ist nicht bitter; der Verlust der ersten Heimat ist nicht das Vorzeichen über allem. So ist Maria Ottos Geschichte auch eine der Hoffnung in Zeiten neuer Fluchten: Manchmal verfliegt der Fluch der ersten Flucht, und das Leben kann beginnen.

Quelle: RP
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