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Krefeld
Als Krefeld es verpasste, Studentenstadt zu werden

Krefeld: Als Krefeld es verpasste, Studentenstadt zu werden
Kein Träger in Sicht. Der Coffee-to-go-Becher für Studenten, entwickelt von der Hochschule Niederrhein. FOTO: HN
Krefeld. Der Vorschlag der Architektin Carolin Krebber zum Seidenweberhaus ruft auch eine bedauerliche Weichenstellung in der Krefelder Stadtgeschichte in Erinnerung: Die Campus-Entscheidung. Der Stadt würde es guttun, wenn junge Leute das Straßenbild beleben. Von Jens Voss

Der Theaterplatz als Uni-Standort: Dieser Vorschlag der jungen Architektin Carolin Krebber ist auf viel Sympathie gestoßen - nur eine ist bislang strikt dagegen: die Realität. Die Hochschule Niederrhein hat in den vergangenen Jahren Millionen in den Ausbau des Campus an der Reinarzstraße investiert; die Entscheidung zur Campus-Bildung fiel unter schwierigen Umständen nach dem Krieg und ist wohl nicht umkehrbar. Der letzte Brückenkopf der Hochschule - eine Designklasse in der ehemaligen Werkkunstschule - wurde im Sommer 2006 aufgegeben. Heute ist Stadt Krefeld eine Stadt mit einer Hochschule, aber ohne Studenten. Sie sind unsichtbar in der City. Leider. Wer sehen will, wie belebend, wie positiv junge Leute für ein Stadtbild sind, muss bis Bonn fahren.

In Krefeld seien Standorte in der City nicht angedacht, erläuterte jetzt die Vizepräsidentin für Wirtschafts- und Personalverwaltung an der Hochschule Niederrhein, Bibiana Kemner; auch weil "die derzeit genutzten Gebäude aus rechtlichen Gründen nicht aufgegeben werden können". Die Schwerpunkte der derzeitigen Hochschulstandort-Entwicklungsplanung seien zukünftig die denkmalgeschützten Gebäude des Fachbereichs Chemieingenieurwesen an der Adlerstraße und der vom Architekten Bernhard Pfau gestaltete Gebäudekomplex des Fachbereichs Design am Frankenring. Diese landeseigenen Gebäude sollen modernisiert werden. "Ein weiteres Ziel ist es, den Campus am Frankenring besser in das vorhandene Wohnumfeld zu integrieren und so eine Öffnung der Hochschule zur Stadt hin und in die Bevölkerung hinein zu gestalten."

Es gibt keinen Schuldigen, den man für die bedauerliche Entwicklung, dass die Hochschule in der Innenstadt unsichtbar bleibt, beschimpfen könnte. Wie aus der Festschrift "40 Jahre Hochschule Niederrhein" hervorgeht, war die Campus-Entscheidung nach dem Krieg auch der Not geschuldet. Krefeld konkurrierte Mitte der 50er Jahre mit Mönchengladbach um die Ausbildung von Ingenieuren "Diese Konkurrenz-Situation nutzte das Land ziemlich brutal: Es verhieß die neue Schule jener Stadt, die für den Bau nicht nur das kostenlose Grundstück beisteuere, sondern dazu auch eine Baukostenbeteiligung von 2 Mio. DM leiste - bei geschätzten 10 Mio. DM Gesamtkosten waren dies 20 Prozent". Unter diesem Druck bot die Stadt Krefeld ein Grundstück an der Reinarzstraße plus Reservefläche für Erweiterungen (das Kleingartengelände auf der Rückseite der Hochschule) an. Den vom Land geforderten Zuschuss über zwei Millionen DM hatte die Stadt nicht - die Krefelder Industrie sagte schließlich zu, in die Bresche zu springen. Man sieht: Die Campus-Entscheidung fiel in einer Zeit, in der städteplanerische Überlegungen über positive Auswirkungen von Studenten auf die Innenstadt nun wirklich überhaupt keine Rolle spielten. Das war Zukunftsmusik. Als 2006 die Werkkunstschule als Hochschulstandort aufgegeben wurde, spürte die Stadtgemeinschaft schon, dass dies eine Zäsur ist. Als die Schule 2007 verkauft wurde und der Abriss des Gebäudes drohte, sprach der damalige SPD-Fraktionschef Uli Hahnen von "einem großen Identitätsverlust" für die Stadt, da dieses Gebäude wie kaum ein anderes mit Kunst, Kultur und Wissenschaft in Verbindung gebracht werde.

Dem Satz wird man in dieser Schärfe nicht folgen müssen: Die Tradition, für die die Werkkunstschule steht, wird an der Hochschule Niederrhein auf der Spitze des Zeitpfeils glänzend fortgeführt, und auch Mode, Textil- und chemische Industrie stehen in der Tradition der Werkkunstschule. Aber es ist eben schade, dass diese Tradition nicht in der Stadt sichtbar ist. Über junge Leute, die studieren, die weiterkommen wollen.

Insofern ist die Idee von Carolin Krebber so etwas wie der Versuch, die Geschichte seit 1945 zu korrigieren. Aus der richtigen Einsicht, dass Studenten (oder Studierende, wie man heute gendergerecht sagt) gut sind für eine Innenstadt. Jugend färbt ab.

So bleibt so etwas wie ein Fünkchen Hoffnung. "Die Beziehungen der Hochschule zum Rat und zur Verwaltung der Stadt Krefeld sind als positiv zu bewerten", sagt Bibiana Kemner für die Hochschule, sie pflege einen engen und guten Kontakt zur Stadt Krefeld mit Blick auf städtebauliche Entwicklungen, die sowohl der Stadt als auch den vielen Studierenden und Lehrenden nutzen.

Wenn es eine Chance gibt, etwas von der Hochschule in die City zu holen: Das wär's.

Quelle: RP
 
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