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Krefeld
Andrzej Wiercinski und der grandiose Auftakt der Kawai-Konzert-Saison

Krefeld. Der 20-jährige Pole spielte Bach, Mozart, Schumann, Liszt und Mussorgski im Helmut Mönkemeyer-Saal in der Musikschule. Von Mojo Mendiola

Der Helmut Mönkemeyer-Saal in der Musikschule war ausverkauft - am Freitagabend zum Kawai-Konzert des erst 20-jährigen Pianisten Andrzej Wiercinski. Die Hochschulen von Warschau, Katowice und Hannover sind die bisherigen Hauptstationen seiner Ausbildung, und Wettbewerbssiege säumen buchstäblich seinen Weg. Nachdem er sich fünf Jahre ausschließlich mit dem Komponisten Frederik Chopin beschäftigt hat, möchte er gegenwärtig etwas Abstand von ihm gewinnen, und so gab es auch keinen Ton aus einem Werk seines großen Landsmanns zu hören. Trotzdem ging am Ende keiner der Zuhörer enttäuscht nach Hause, im Gegenteil.

Wiercinski begann ganz ruhig mit Präludium und Fuge in Fis-Dur, BWV 858 von Johann Sebastian Bach, ein Stück von narrativem Notenfluss ohne nennenswerte Höhepunkte, das dank des hochentwickelten Gefühls des Pianisten für subtile Spannung und perfektes Timing dennoch nicht langweilig wurde. Den bemerkenswert hohen Reifegrad, den er in Sachen Disziplin bewies, zeigte er auch in seiner Anschlagskultur. In Mozarts Klaviersonate Nr. 11 in A-Dur pflegte er zunächst erneut die Kunst der Besinnlichkeit, modellierte die Noten geradezu an der Klaviatur, ließ im türkischen Marsch aber auch Temperament erkennen, und dem aufmerksamen Publikum entging nicht, dass er im Menuetto seinen tief verinnerlichten Chopin ein wenig durch den Mozart hindurchscheinen ließ. Zwar kann so etwas leicht auf gefährliche Abwege führen, hier aber passte es, es erhöhte ganz zweifellos den Reiz von Wiercinskis Interpretation. Bei den ersten Akkorden von Franz Liszts Etüde "Wilde Jagd" in c-Moll brannte augenblicklich die Luft im Saal. Als hätte er lange darauf gewartet, wühlte der junge Mann regelrecht in den tieferen Lagen und bediente sich ganz souverän der gewaltigen Kraft des Kawai-Flügels. Dann nahm er sich zurück, um schon bald eine neue Spannung aufzubauen: Nicht nur die spieltechnische Brillanz, auch die emotionale Präsenz des Künstlers ließ niemanden unbeeindruckt. Rachmaninovs Etüde Nr. 1, kurz und knackig und ebenfalls in c-Moll, nutze er zu virtuosem Freilauf, um schließlich zu Bach zurückzukehren, nämlich zur Chaconne in d-Moll, BWV 1004. Und wer gedacht hatte, er kenne das Werk, durfte hier eine Überraschung erleben, denn so temperamentvoll hat man Bach selten gehört. Man konnte zwischendurch in Zweifel geraten, ob man vielleicht den Übergang zu etwas und jemand anderem verschwitzt hatte. Aber nein, Wiercinski war noch im Werk des barocken Meisters, schrieb allerdings seine persönliche Handschrift diesmal mit besonderem Wagemut aus. Was Jacques Loussier recht war, durfte ihm billig sein, und siehe da, die Eigenwilligkeit des Interpreten tat auch hier dem Original keinen Schaden, fordert doch gerade Bach ohnehin permanent geradezu zum Weiterdenken seiner Vorlagen heraus.

Immer wieder erntete der junge Tastenkünstler stürmischen Applaus und verlor auch nach der Pause bei Mussorgskis oft gehörten "Bildern einer Ausstellung" keinen Zuhörer im Saal. Nachdem er auch diesem Opus durch sein Spiel neue Reize abgewonnen hatte, war dem begeisterten Publikum eine Zugabe nicht genug.

Quelle: RP
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