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Krefeld
Antiken-Thriller "Orestie" - ein großer Wurf

Krefeld: Antiken-Thriller "Orestie" - ein großer Wurf
Klytaimestra (Eva Spott) hat zugeschlagen: Agamemnon (Joachim Henschke) und Kassandra (Helen Wendt) liegen am Ende des ersten Teils in ihrem eigenen Blut. FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. Eine bildmächtige Inszenierung der an-tiken Trilogie von Aischylos beeindruckt das Publikum. Groß-artige Schauspieler bewegen mit dem noch immer aktuellen Stoff. Von Petra Diederichs

Wenn vor der Premiere der Intendant auf die Bühne kommt, ist er meist Bote schlechter Nachrichten: Michael Grosse berichtete von tragischen Dingen bei den Endproben zur Tragödie "Orestie": Nele Jung fiel als Elektra krankheitsbedingt aus. Esther Keil sprang blitzartig ein. Damit schrumpfte der Chor der Frauen auf zwei Sprecherinnen zusammen. Und Cornelius Geberts Erkältungsstimme musste mit Microporthilfe unterstützt werden. Doch nichts tat der Dichte dieses Abends Abbruch. Das 2500 Jahre alte Stück über die Geburtsstunde der Demokratie ist in dieser Inszenierung der größte Wurf dieser Spielzeit. So packend, sinnlich und bildmächtig - das ist Theater-Championsleague. Die Premiere wurde entsprechend gefeiert.

In Delphi wabern Nebel: Die Rachegeister - furchterregend mit ihren entstellten Gesichtern und den mit Kontaktlinsen blicklos gemachten Augen - fordern Blutzoll. Doch Göttin Athene (Esther Keil) verlangt nach Stühlen, Mikrofonen, nach Richtern und Verteidigern. Zum ersten Mal wird das Volk richten. Wird Orestes (Cornelius Gebert) für den Mord an seiner Mutter und deren Geliebtem büßen oder nicht? Wegen der Stimmengleichheit urteilt Athene: "Im Zweifel für den Angeklagten". Doch ohne Schuld ist Orestes nicht. Gebrochen und blutverschmiert geht er ab. Das eigene Gewissen wird ihm den Muttermord nie verzeihen.

Die Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, die Aischylos im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung stellte, brennen auch im 21. Jahrhundert noch. Und der griechische Philosoph zeigt uns bereits, dass Demokratie Entwicklung und Bereitschaft braucht. Athene umwirbt die Rachegeister Erinyen, appelliert an die "erhabene Macht, die Versöhnungskraft", an die Heiligkeit der Zauberkraft des Wortes - und wandelt die nach Vergeltung Gierenden so in die Wohlmeinenden, die Eumeniden, die künftig die Menschen vor Anarchie und Despotie schützen können.

Das geht uns heute an - deshalb schlägt Schauspieldirektor Matthias Gehrt mit diesem letzten Teil der Trilogie eine Brücke in die Moderne. Dafür hat Gabriele Trinczek die Bühne zu einem grenzenlosen Raum geöffnet, in dem Projektion eine übergroßes Porträt Athenes hinter den verschleiernden Nebeln wahrnehmen lässt. Das hat Wucht.

Die Inszenierung nach der sprachlich höchst gelungenen Übersetzung von Peter Stein zieht mit zahlreichen Tauen ins Geschehen. Die Bühne ragt ins Parkett, unentwegt tauchen Figuren im Publikumsbereich auf, Adrian Linke hält als Apollon große Monologe auf den Seitenbalkonen. Alle Schauspieler sind präzise wie bei einer Gehirnoperation, jeder Satz sitzt, damit die sparsame Handlung, die in jede Menge Geschichte gebettet ist, über dreienhalb Stunden trägt. Aischylos verhandelt die Leidensgeschichte der Atriden: Vater Agamemnon ist in den Trojanischen Krieg gezogen. Bei seiner Rückkehr tötet Gattin Klytaimestra ihn, weil er vor der Abfahrt die Tochter Iphigenie als Gottesopfer geschlachtet hatte. Den Mord am Vater sühnt Sohn Orestes - er erschlägt die Mutter und deren Liebhaber. Die Gemetzel geschehen im Off. Das Publikum sieht dennoch reichlich Blut. Bedrohlicher aber wirkt der Wahnsinn, die Raserei, die zu den Bluttaten treibt. Eva Spott lässt als eiskalte Königin Rachedurst in jeder Silbe mitlodern. Helen Wendt wächst als Kassandra über sich hinaus, wenn sie den Mord an Agamemnon und den eigenen Tod voraussieht. Joachim Henschke ist ein gewaltmüder Agamemnon, dem der Staub der Kriegsschauplätze in den Kleidern hängt. Das sprachliche und darstellerische Niveau des Ensembles zeigt sich auch in den ausgefeilten Chorszenen, wo die Geschichte erzählt wird. Sibylle Gädecke hat für alle ausnehmend schöne, zeitlose Kostüme geschaffen.

Es ist kein Abend der stillen Momente: Aischylos hat einst für zigtausend Zuschauer im Amphitheater geschrieben. Trinczeks Bühne ist vom antiken Aufbau inspiriert. Licht, Düfte und die Musik von Frank Ostermayer - langjähriges Mitglied der "Jazzkantine" und als Studiomusiker international von Phil Collins bis Mousse T. gefragt - erwirken aber im Zusammenspiel eine große Sinnlichkeit.

Nächste Vorstellungen: 21., 24. Oktober. Karten: Tel. 02151 805125.

Quelle: RP
 
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