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Krefeld
April: Warum zu viel Gras ungesund für Pferde ist

Krefeld: April: Warum zu viel Gras ungesund für Pferde ist
Sind die Pferde erst auf der Weide, toben sie sich kurz aus. Für uns sieht es aus wie Lebensfreude pur. Wenig später stehen sie wieder ruhig auf der Wiese und grasen. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. In der April-Folge unserer Reihe "Im Märzen der Bauer" sind wir auf dem Eumes-Pferdehof in Hüls zu Gast. Es geht um das "Anweiden" der Tiere - die Phase, in der Pferde nach dem Winter auf die Weide dürfen. Die Pferde müssen langsam an die Wiese gewöhnt werden, sonst drohen Koliken. Von Bärbel Kleinelsen

Ein Paradies für Pferde am Rande der Großstadt. Madog, Schnippy und Avatar genießen die warmen Sonnenstrahlen auf dem Paddock, dem graslosen Auslauf des Eumeshof in Hüls. 38 Tiere gehören zurzeit zur Herde, darunter Stuten, Wallache und Ponys. Nähert sich der Mai, freuen sie sich auf ihre tägliche Wiesen-Zeit. "Anweiden" nennt der Fachmann die Zeit, in der die Tiere an das frische Grün gewöhnt werden.

Anne Jäschke ist Pferdewirtschaftsmeisterin und betreut die Reitpferde auf dem Eumeshof von Agnes und Ralf Pauelsen in Hüls. Die 34-Jährige geht auf den Paddock. Sofort wird sie von den vier- bis 27-jährigen Pferden umringt. Agens Pauelsen hilft ihr, die Tiere auf die Weide zu lassen. Im ausgelassenen Galopp sprinten die Vierbeiner los, drehen eine schnelle Runde - und fangen an zu grasen. "Genau das ist das Problem", erklärt Expertin Jäschke und zeigt auf die friedlichen Tiere, die offensichtlich das frische Gras genießen. "Man muss sich das so vorstellen, als ob Kinder Eis sehen. Alle wollen möglichst viel in möglichst kurzer Zeit. Die Pferde sind da nicht besser, schlingen das Gras in sich rein, bis nichts mehr geht, und bekommen dann Bauchschmerzen." Nur zehn Minuten dürfen die Pferde deshalb auf der Weide bleiben, dann ist für diesen Tag Schluss. "Pferde sind Steppenbewohner, die sich von Natur aus von trockenem Gras oder Gestrüpp ernähren. Unsere gut gedüngten Wiesen sind für sie viel zu nahrhaft. Da steckt zu viel Energie drin, zu viel Fructane. Dadurch kann es bei den empfindlichen Reitpferden zu Krankheiten wie Hufrehe oder Koliken kommen", erklärt die Pferdewirtin.

Bauer Pauelsen ergänzt: "Während Kühe fressen und dann wiederkäuen, frisst ein Pferd nur, im schlimmsten Fall bis es umfällt. Deswegen müssen wir sehr genau darauf achten, dass die Tiere langsam an die Weide gewöhnt werden."

An Auslauf mangelt es den Fluchttieren trotzdem nicht. Dank der Offenstallhaltung auf dem Eumeshof können die Pferde bei Bedarf den ganzen Tag im Freien verbringen. Ein Hügel animiert zu Kletterpartien, ein Unterstand schütz vor zu viel Sonne. In Kleingruppen stehen die Tiere beieinander, zupfen sich gegenseitig das Winterfell aus und reiben die Nüstern aneinander. Pony Schnippy ist der Boss der Bande. "Der ist zwar klein, setzt sich aber gegen alle Großen problemlos durch", erzählt Agnes Pauelsen.

Und woran erkennt die Fachfrau, wann die Weide sozusagen durchgehend geöffnet bleiben kann. "Das sagen mir die Tiere", erklärt Agnes Pauelsen und lächelt. "Nach einigen Wochen Eingewöhnung, in der wir die Weidezeit täglich um eine Minute verlängern, kommen die Pferde plötzlich von alleine zurück auf den Paddock und ruhen sich aus. Dann wissen wir, dass sich der natürliche Rhythmus der Tiere eingespielt hat und wir das Tor offenlassen können." Von dieser Zeit an können die Pferde rund um die Uhr die Weide nutzen - bis der Sommer vorbei ist und der Oktober kommt. Dann ist die Weide im Regelfall abgegrast und die Pferde bleiben wieder auf dem Paddock. "Früher waren Wiesen noch sehr reich an Kräutern. Da hatten die Pferde ihre Apotheke gleich vor Ort. Besonders Spitzwegerich war wichtig bei Husten. Heute gibt es solche Wiesen kaum noch. Es wäre zu teuer, weil ihre Pflege intensiver ist", erklärt Pferdefachfrau Jäschke.

Auch Spaziergänge mit dem Pferd an der Leine, besonders beliebt bei jungen Mädchen, die sich um die Tiere kümmern, sind heute nicht mehr gern gesehen. "Die Pferde fressen das Gras am Straßenrand und werden dadurch vielleicht krank", sagt Ralf Pauelsen. Ablagerungen durch Abgase seien dabei ein Problem, aber auch Verunreinigungen durch Hundekot. Der Landwirt muss es wissen, ist er doch spezialisiert auf die Bewirtschaftung von Grünland.

Mit der Offenstallhaltung geht der Eumeshof neue Wege bei der Haltung von Reitpferden. In vielen Reitställen der Umgebung sind die Tiere noch in Boxen untergebracht und kommen nur zeitweise auf Paddock oder Weide. Herden von 38 Tieren sind dabei selten.

"Viele Reiter stehen dem neuen Konzept am Anfang skeptisch gegenüber. Sie machen sich Sorgen, wegen der Rangeleien zwischen den Tieren und befürchten ernsthafte Verletzungen. Bislang hatten wir jedoch keine Probleme damit. Auch Fohlen können wir problemlos bei der Herde lassen", berichtet Agnes Pauelsen von ihren Erfahrungen.

Die viele Bewegung und der Herdenverband tun den Tieren offensichtlich gut. Gelassen und zutraulich umkreisen sie die Menschen, stecken neugierig die Nüstern in die Jackentaschen oder lassen sich streicheln. Für Bauer Pauelsen ist das kein Wunder: "Pferde sind eigentlich unproblematisch und gewöhnen sich an vieles, wenn sie richtig gehalten werden, zum Beispiel auch an andere Tiere, wie die Rinder auf unserem Hof. Es sind fast immer die Menschen, die ein Problem haben und es auf die Tiere übertragen." Der Landwirt nennt ein Beispiel: "Anweiden ist unter Reitern ja auch ein Riesen-Thema. Doch wie man sieht, geht es auch ohne viel Heckmeck."

In unserer Reihe "Im Märzen der Bauer" begleiten wir Krefelder Landwirte durchs Jahr - Start war im März.

Quelle: RP
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