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Kr Wie Krefeld
Armenien-Resolution: Persönliche Erklärung muslimischer Ratspolitiker

Krefeld. Manchmal hängen die Dinge, die zufällig parallel geschehen, zusammen und fügen sich zu einem Gesamtbild. Von Jens Voss

Gestern haben die SPD-Ratsmitglieder Halide Özkurt und Mustafa Ertürk eine gemeinsame "persönliche Erklärung" zu den Folgen der Armenien-Resolution des Bundestages veröffentlicht (wir dokumentieren die Erklärung unten auf der Seite). Parallel dazu kursieren bei Facebook ersten Animationen des Moschee-Neubaus, den die Fatih-Camii-Gemeinde auf dem Grundstück zwischen Deutschem Ring und Gladbacher Straße bauen will. Der Bau, der nach Angaben der Gemeinde fünf Millionen Euro kosten soll, wird Krefelds größte Moschee sein. Die Grafik unterstreicht die Ausmaße des Baus. Er ist, wie man neudeutsch sagt, auch ein Statement, ein selbstbewusstes Signal, dass die muslimische Gemeinde unübersehbar zu Krefeld gehört.

Die Erklärung von Özkurt und Ertürk ist in einem wichtigen Punkt neu: Sie begründet die Kritik an den Drohungen gegenüber türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten dezidiert politisch, also mit Blick auf den Toleranz-Begriff und in Würdigung unserer Demokratie.

Neu daran ist: Bislang haben Krefelds Muslime die Angriffe auf die Parlamentarier mit religiösen Begründungen kritisiert. Mesut Akdeniz, Vorsitzender der Türkischen Union, hat die Beschimpfungen der Abgeordneten, die die Armenien-Resolution (wonach der Massenmord an Armeniern durch Türken 1915/16 als Genozid zu werten ist) verabschiedet haben, aufgrund von Koranversen verurteilt. Das ist aller Ehren wert. Aber man verteidigt das Parlament erst dann in der Tiefe seines Wesens, wenn man Toleranz als säkular-politische Kraft verteidigt. Und zwar als die Kraft, die den Anspruch der Religion ebenso beschneidet wie jeden Versuch, eine Meinung oder Ideologie absolut zu setzen.

Es ist keine akademische Fingerübung, das zu betonen: Man hat sich den Toleranzbegriff erst dann wirklich zu eigen gemacht, wenn man akzeptiert, dass er als säkulare Ethik der Religion Grenzen setzt. Und so ist es immer bedenklich, Toleranz und ein Parlament, das sich der Toleranz verdankt, mit religiösen Gründen verteidigen zu wollen. Das hat auch Bedeutung für die Moschee-Pläne. Eine Moschee in Deutschland muss wie jedes andere Gotteshaus immer beides sein: Bekenntnis zu einer Religion und Bekenntnis zur Toleranz, die den Geltungsanspruch dieser Religion beschneidet. Nur so wird von einem Gotteshaus Frieden ausgehen. Es wäre fatal, wenn deutsche Muslime sich nur aus taktischen Gründen auf die Toleranz berufen, um Moscheen und Minarette bauen zu können. Nein, wer Toleranz will, muss auch die säkulare Gesellschaft wollen. Die Erklärung von Özkurt und Ertürk lässt hoffen, dass diese Botschaft in der muslimischen Gemeinde Krefelds angekommen ist.

Quelle: RP
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