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Analyse Stadtplanung
Armes Uerdingen

Analyse Stadtplanung: Armes Uerdingen
Es sieht düster aus für Uerdingen: Nach 40 Jahren Stadtplanung liegt ein "Zwischenbericht" über "Potenziale" vor. Das Foto zeigt die Rheinbrücke. FOTO: Lammertz
Krefeld. Mit dem Beitritt zu Krefeld begann der Niedergang: Ein Bericht der Stadt ist bemerkenswert offen. Seit der Fusion Uerdingens mit Krefeld ging es bergab mit dem Ortsteil; seit den 70er Jahren werden Konzepte gegen die Krise geschrieben - fast nichts wurde umgesetzt. Von Jens Voss

Das schönste Detail steht auf Seite 7: Dort heißt es, dass in einem Gestaltungskonzept aus dem Jahre 1994 empfohlen wurde, mit einem Fußgängertunnel am Bahnhof das Uerdinger Zentrum mit den Wohngebieten im Nordwesten zu verbinden. Diese Empfehlung fußt auf Analysen, die bereits in den 70er Jahren begonnen haben. Nur: Der Bau dieses Tunnels war schon bei der Fusion von Uerdingen und Krefeld 1929 vereinbart worden. Gebaut wurde er dann 2007 - "damit wurde eine Maßnahme mit einer Verspätung von gut 80 Jahren umgesetzt", heißt es in dem Bericht der Stadt mit dem Titel "Integriertes Handlungskonzept Uerdingen" - Untertitel "Zwischenbericht".

Stadtplanung ist ein Reich der Zwischenberichte. Kafka lässt grüßen: In einem Konzept, das auf Konzepten fußt, wird erneut erkannt, was die Altvorderen konzeptionell wussten und den Nachfahren zu tun empfahlen, die dann ihrerseits Konzepte schrieben. Und am Ende sagte der Torwächter: Uerdingen ist ein Stadtteil mit Potenzial.

Das "Integrierte Handlungskonzept" taucht in den Unterlagen für die Sitzung des Planungsausschusses am 17. Februar auf. Die Fraktion Die Linke hatte um einen Sachstandsbericht zum Thema "Erarbeitung eines integrierten Handlungskonzepts für Uerdingen" gebeten. Wer sich festliest, weiß am Ende nicht, ob er lachen oder weinen soll. Denn man liest die Geschichte eines aufhaltsamen Niedergangs. Aus heutige Sicht muss man sagen: Wären die Uerdinger 1929 selbstständig geblieben, ginge es dem Stadtteil heute besser - die Leute hätten all die Maßnahmen zur Rettung ihres Stadtteils sicher nicht verschleppt.

Uerdingen, so heißt es in dem Bericht, ist mit 18.500 Einwohnern und einer Verkaufsfläche im Zentrum von 11.900 Quadratmeter Krefelds bedeutendstes Stadtteilzentrum. Das war auch 1929 so: Beim "Zusammenlegungsvertrag" stand Uerdingen gleichberechtigt neben Krefeld. Sichtbarer Ausdruck: Das neue Stadtgebilde hieß "Krefeld-Uerdingen". Doch von da an ging's bergab. Ab 1941 hieß Krefeld-Uerdingen nur noch Krefeld. Dennoch: 1971, so resümiert der Bericht, war Uerdingen "noch das zweite Zentrum der Stadt". 20 Jahre später war die "Rheinstadt", wie sie sich bis heute trotzig nennt, "nur noch der größte und autonomste der neun Krefelder Stadtbezirke". Die Entwicklung wird so zusammengefasst: "Eingeschränkt in seiner Entwicklung, durch die Eisenbahnlinie im Westen, die B 288 und den Rheinhafen im Süden, den Rhein im Osten und die Industrienutzung im Norden verlor Uerdingen an Attraktivität und Ausstrahlung."

Der Niedergang war offenbar seit den 70er Jahren sichtbar, und es begann die Epoche der Gutachten. Auftakt war im Jahr 1971 eine "Nutzungserhebung" für Uerdingen im Rahmen der Arbeit an einem "Struktur-Atlas" für Krefeld. Weiter ging es in den 90ern mit einer "intensiven Analyse der städtebaulichen Situation des Stadtbezirks". 20 Jahre Analyse mündeten dann 1999 in ein "Kommunales integriertes Handlungskonzept". Das Problem: Nur wenige Maßnahmen wurden umgesetzt - eine war der erwähnte Tunnel, dessen Bau schon 1929 vereinbart worden war.

Zu den realisierten Maßnahmen zählten etwa die Neugestaltung der Stadteingangssituation am Obertor, eine Neuordnung der Parkplätze; die Darstellung des Tors im Pflaster, die Umgestaltung der Wallanlagen am Rhein und die Sanierung eines Spielplatzes. Bei Bier und einem Korn würde man sagen: Viel Pillepalle.

Der Bericht der Stadt ist da verblüffend ehrlich: "Alle bisher entwickelten Maßnahmen", resümiert er, "haben das Ziel, den schleichenden Niedergangsprozess in Uerdingen anzuhalten und zu revidieren, verfehlt." Kunststück, wenn man "die entwickelten Maßnahmen" nicht umsetzt.

Fast wie Hohn liest es sich dann, was der Bericht an Gutem über Uerdingen zu sagen hat. Viel schöne historische Bausubstanz, Rheinlage, fantastische Industriearchitektur; hohe Identifikation der Uerdinger mit ihrem Ort - der Bericht fasst zusammen: "Eigentlich ist alles vorhanden in Uerdingen, nur nicht mehr in Betrieb, in die Jahre gekommen, in Vergessenheit geraten. Genau wie der Rhein, der hinterm Deich im Stadtkern eigentlich nicht wahrnehmbar ist. Dabei ist er ein Pfund, mit dem man wuchern kann." Eigentlich, eigentlich: Dieses Wort ist die kleine Schwester des Wortes "Zwischenbericht": Eigentlich könnte alles so schön sein, sagte der Zwischenbericht.

Und heute?

Der Zwischenbericht listet all die Wahnsinnsbauwerke in Uerdingen auf - vom alten Klärwerk über den Brempter Hof bis zu den Herbertz-Häusern und betont immer wieder deren "Potenzial". Empfohlen wird, in den Herbertz-Häusern ein "multifunktionales Bürger-, Bildungs- und Kulturzentrum" einzurichten - die Leute von den "Montagslesungen" werden es gern lesen. Überlegt wird, die von Leerstand geplagte Oberstraße wieder für den Autoverkehr zu öffnen, vielleicht als Einbahnstraße mit Tempo 30 nach dem Vorbild der Krefelder Königstraße.

Auf jeden Fall heißt es auch: Die Situation Uerdingens sei "durch Einzelaktionen nicht zu beheben. Es bedarf eines Bündels von Maßnahmen, um den gegenwärtigen Abwärtstrend umzukehren und Chancen und Potenziale zu nutzen. Dazu ist ein umfassendes Konzept erforderlich."

Wie gesagt, ein Zwischenbericht.

Quelle: RP
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