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Krefeld
Baracken, Bio, Bischöfe und Boat-People

Krefeld: Baracken, Bio, Bischöfe und Boat-People
Am 22. August 1977 öffnete die Bischöfliche Maria-Montessori-Gesamtschule erstmalig ihre Türen. "Sie musste zunächst mit provisorischen Holzbaracken vorliebnehmen", erinnert sich der heutige Schulleiter Hans-Willi Winden. FOTO: Montessori-Gesamtschule
Krefeld. Die Bischöfliche Maria-Montessori-Gesamtschule (BMMG) ging heute vor 40 Jahren an den Start. "Bereits 1979 konnte das Richtfest für das neue Gebäude gefeiert werden", sagt der heutige Direktor Hans-Willi Winden. Von Joachim Niessen

Es war heute auf den Tag genau vor 40 Jahren: Die ältere Schwester der fünf städtischen Gesamtschulen im Kliedbruch ging am 22. August 1977 an den Start. "Sie musste zunächst mit provisorischen Holzbaracken vorliebnehmen", erinnert sich Schulleiter Hans-Willi Winden. "Die ersten 133 Fünftklässler der neuen ,Erfahrungsschule des sozialen Lebens' (Maria Montessori), waren noch nicht geboren, als 13 Jahre zuvor in Krefeld und Aachen erste Überlegungen zur Gründung einer Montessori-Grundschule und einer weiterführenden Montessorischule in kirchlicher Trägerschaft angestellt wurden."

Zwar waren mit der Gründung des Montessori-Vereins Krefeld e.V. 1966, mit der Eröffnung des Montessori-Kinderhauses St. Hubertus 1971 und mit dem Antrag des damaligen Bischofs von Aachen, Johannes Pohlschneider, an das Kultusministerium in Düsseldorf auf Errichtung einer privaten Grund- und Gesamtschule 1972 wichtige Grundlagen gelegt, aber in langen und bisweilen zähen Genehmigungsverfahren zeigten sich mancherlei Fußangeln und Fallstricke.

Nachdem die Bischöfliche Maria-Montessori-Grundschule 1973 mit ihrem ersten Schuljahr beginnen konnte, dauerte es noch weitere fünf Jahre, bis die Gesamtschule endlich die endgültige Betriebserlaubnis des Ministeriums erlangte (rückwirkend zum August 1977). Aber dann nahm die weitere Entwicklung Fahrt auf. "Bereits 1979 konnte Richtfest für das neue Schulgebäude gefeiert werden", sagt Winden beim Blick in die Chronik. "Ein Jahr später erfolgte der Umzug aus den Klassenzimmern der Baracken in den Schulneubau, der durch Bischof Klaus Hemmerle eingeweiht wurde. Wiederum ein weiteres Jahr später kamen die Sporthalle und die Außensportanlagen hinzu."

Die ersten Kinder der Jahrgänge 5 bis 7 und ihre Lehrer waren damals nicht die einzigen "Bewohner" des neuen Gebäudes. Sie hatten eine Zeit lang Flüchtlinge als Gäste: vietnamesische Boat-People, die von der Cap Anamur aus dem Südchinesischen Meer gerettet worden waren und die nun in den noch nicht genutzten neuen Klassenräumen eine vorübergehende Erstaufnahme fanden. Winden: "Heute sind Flüchtlings- und Emigrantenkinder aus Albanien, Ägypten, Syrien, aus dem Irak und Iran Schülerinnen und Schüler in diesen Klassenzimmern."

Nach der äußeren war nun Raum für die Intensivierung der inneren Schulentwicklung. Dabei standen zunächst die Freiarbeit nach Maria Montessori in den Klassen 7 bis 10 und schon bald die Gestaltung einer stärker projektorientierten freien Arbeit für die Jahrgänge 9 und 10 im Mittelpunkt. Aus ihr ist über einen längeren Zeitraum der wöchentliche Projekttag in der heutigen Form entstanden. Zu den Kindern und Jugendlichen mit körperlich-motorischen Behinderungen gesellten sich nach einigen Jahren auch Schüler mit Hörschädigungen im gemeinsamen Unterricht mit nicht behinderten Klassenkameraden. Mit dem ersten Abiturjahrgang 1986 war der Aufbau der BMMG abgeschlossen.

Auch das schulische Leben neben, aber doch im Bezug zum Fachunterricht und zu den Freiarbeits- und Projekttagsstunden, konnte sich entfalten. Der Vorlesewettbewerb der Jahrgangsstufe 6 startete noch während der "Barackenzeit" und wird weiterhin jedem November durchgeführt, seit 1982 sekundiert von der Buchausstellung und der Lesung von Kinder- und Jugendbuchautoren vor Kindern der 5. Klassen. Bio-Büdchen und Adventbasar, Karneval und Schulgemeindegottesdienst nutzten sogleich das nun vorhandene Platzangebot im Forum ebenso wie das Oberstufentheater (ab 1994). Und ebenfalls für die Schulbibliothek und das Anlegen des Schulgartens, zunächst in kleinerer Form vor dem Biologiefachraum und später in einer größeren Version jenseits des Entwässerungsgrabens - einschließlich Obstwiese - , ergaben sich jetzt willkommene Entfaltungsmöglichkeiten. Gewiss, nicht jedes Projekt, das neben dem Unterricht als "Kerngeschäft" lange Zeit die BMMG-Schulkultur mit geprägt hat, konnte weitergeführt werden, zum Beispiel der Eltern-Schüler-Lehrer-Chor oder die Musical-AG mit ihren großen öffentlichen Aufführungen.

Auch das Biohaus ist nicht für die Ewigkeit, sondern aus Naturmaterialien erbaut worden. Es gehört zum Wesen eines - zumal schulpädagogischen - Projekts, dass es einen Abschluss findet, selbst wenn dies, wie ja auch das Ende der Schulzeit für die meisten Montessori-Schüler, wehmutsvoll empfunden wird. Anderes dagegen ist zur Dauereinrichtung geworden, etwa der "Montessori-Zertifikatskursus für die Sekundarstufe", an dem alle neu eingestellten Lehrerinnen und Lehrer teilnehmen, das Sozialpraktikum der Jahrgangsstufe 11 (seit 1984), die Aschermittwochsgottesdienste für alle Klassen in St. Hubertus, die religiösen Besinnungstage für die Jahrgangsstufen 9 und 12, Klassen- und Studienfahrten der Jahrgangsstufen 6, 10 und 13, die Tage der Berufsorientierung für die 8. Klassen oder der mehr als 30 Jahre währende Schüleraustausch mit französischen Partnerschulen. Neues ist in den vergangenen Jahren hinzugekommen: Partnerschaften mit ortsansässigen Unternehmen und mit einer israelischen Schule in Haifa, die Zertifizierung als "Europaschule in NRW", das gemeinsame Singen und Musizieren von Schülern und Lehrern in jeder Adventswoche oder das noch junge "Musicalpflänzchen".

Quelle: RP
 
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