| 00.00 Uhr

Krefeld
Bayer-Kasino Unterkunft für Flüchtlinge? Kathstede: Schmerzgrenze ist erreicht

Krefeld: Bayer-Kasino Unterkunft für Flüchtlinge? Kathstede: Schmerzgrenze ist erreicht
Blick ins Innere des Bayer-Kasinos: Das Foto entstand im September 2013, als der Denkmalausschuss das leerstehende Kasino besichtigte, um seine Denkmalwürdigkeit abzuschätzen. FOTO: Lammertz
Krefeld. Die Stadt sucht Gewerbe-Immobilien, das Gesundheitsamt Ärzte zur Erstuntersuchung von Flüchtlingen. Nach der Zuweisung von weiteren 300 Flüchtlingen sagt Oberbürgermeister Kathstede: "Die Schmerzgrenze ist erreicht." Von Jens Voss

Die Not der Stadt wird immer größer, Platz für neu ankommende Flüchtlinge zu finden. Die Stadt bemüht sich nun auch verstärkt um Gewerbe-Immobilien. Unter anderem wird geprüft, ob das leerstehende Bayer-Kasino geeignet ist, als Flüchtlingsunterkunft hergerichtet zu werden - diese Möglichkeit hatte der Oberbürgermeisterkandidat der Grünen, Thorsten Hansen, ins Gespräch gebracht. Auch an einer anderen Front muss die Stadt ungewöhnliche Wege gehen: Das Gesundheitsamt ist bemüht, pensionierte oder niedergelassene Ärzte für die Erstuntersuchung und medizinische Betreuung von Flüchtlingen zu gewinnen. Dies teilte Sozialamtsleiter Wolfram Gottschalk auf Anfrage unserer Zeitung mit.

Hintergrund: Wenn viele Flüchtlinge mit vielen Herkunftsgeschichten auf engem Raum zusammenleben, ist die rasche medizinische Untersuchung der Neuankömmlinge besonders wichtig. Da das Gesundheitsamt die fälligen Untersuchungen allein kaum zu leisten imstande ist, sucht es nun Unterstützung.

Das Kasino-Gebäude von außen. Es liegt am Rhein. FOTO: Königs

Die Stadt forscht mittlerweile "sehr breit nach Unterbringungsmöglichkeiten" für Flüchtlinge und hat auch Gewerbeimmobilien ins Visier genommen, erläutert Gottschalk. Gedacht sei an Gebäude mit Büro- und Lagerflächen. Konkret werden zurzeit zehn solcher Objekte geprüft. "Wir müssen sehen, ob sich ein Gebäude für diesen Zweck eignet und wie groß der Investitionsbedarf wäre", sagt Gottschalk. Schlecht sind die Aussichten nicht: Bei Gebäuden mit Kantinen etwa liegen oft die nötigen Anschlüsse zur Installation von Herden oder Waschmaschinen bereit. Ein Ziel der Stadt ist es dabei auch, mittel- und langfristige Unterkünfte zu schaffen - denn so recht glaubt niemand mehr im Rathaus, dass der Zuzug von Flüchtlingen abebbt und in ein paar Wochen oder Monaten aufhört.

Die Stadt stößt massiv an Kapazitätsgrenzen: Die Bezirksregierung hat der Stadt mitgeteilt, dass sie noch weitere 300 Flüchtlinge mehr aufnehmen soll - Oberbürgermeister Gregor Kathstede will das nicht hinnehmen und hat angekündigt, dagegen bei der Landesregierung zu protestieren. "Die Schmerzgrenze für die Stadt Krefeld ist erreicht", sagte er bei einer Veranstaltung des Stadtsportbundes. Die Stadt habe bereits 1800 Flüchtlinge untergebracht; die Zahl liege schon jetzt über der Prognose für das komplette Jahr 2015, wobei etwas mehr als die Hälfte der Menschen auf Sporthallen verteilt seien. Dabei hat sich die Taktung zur Aufnahme von Flüchtlingen bereits verschärft: Ab kommender Woche soll die Stadt nicht mehr 50, sondern 70 Flüchtlinge pro Woche aufnehmen. Für 300 weitere Flüchtlinge müssten weitere Sporthallen bereitgestellt werden; dies sei eine enorme Belastung für die Krefelder Sportvereine, "aber die Flüchtlinge müssen untergebracht werden", betonte Kathstede auch.

Willkommenskultur: Diese Menschen helfen Flüchtlingen FOTO: RP

Die nächste Halle, die wohl ab Montag mit Flüchtlingen belegt wird, ist die Koerver-Halle am Ricarda-Huch-Gymnasium (RHG). Wie Schulleiterin Ulrike Höttges auf Anfrage erläutert, wollen Lehrer und Schüler des Gymnasiums den Flüchtlingen einen freundlichen Empfang bereiten. So haben Religionskurse der Jahrgangsstufe sechs die Flüchtlingsproblematik aufgegriffen. "Die Schüler wollen ein Zeichen setzen und diesen neuen Nachbarn zeigen: Wir heißen euch willkommen, und wir tun dies durch gemalte Bilder, Plakate und ein großes Banner mit der Aufschrift: ,Das RHG sagt: Herzlich willkommen!'", berichtet Höttges. All das werde in der Koerver-Halle aufgehängt. Darüber hinaus würden in der Schule Ideen von Schülern, Eltern und Lehrkräften gesammelt, wie die Nachbarschaft gestaltet werden könne. Gedacht sei etwa an ein kleines Begrüßungscafé, ein Kuchenbuffet, gemeinsame Spiele oder andere Zeichen, "um den Menschen zu zeigen: Wir sind für euch da. Wir begleiten euch durch Gedanken, Worte und Taten", so Höttges weiter. Die Schule stimme sich dabei eng mit den Mitarbeitern des Sozialamtes ab, um die Ankömmlinge nach den Turbulenzen ihrer Flucht auch zur Ruhe kommen zu lassen.

Probleme mit der engen Nachbarschaft von Schulen und Flüchtlingen hat es laut Gottschalk bislang nicht gegeben - im Gegenteil: Wie Erfahrungen mit dem Fichte- und dem Arndt-Gymnasium zeigten, gebe es ein Klima der Begegnung etwa über gemeinsame Sportveranstaltungen.

Chorweiler: So sieht die Zeltstadt für Flüchtlinge aus FOTO: dpa, mb soe
Quelle: RP
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.