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Krefeld
Besuch in der neuen Heimat Traglufthalle

Krefeld: Besuch in der neuen Heimat Traglufthalle
Die monatliche Kaltmiete für die Traglufthalle beträgt 30.000 Euro. FOTO: Lammertz
Krefeld. Gestern Abend nutzten etliche Hülser das Angebot der Stadt, sich die Traglufthalle am Reepenweg von innen anzusehen. Von Henning Rasche

Das kleine Mädchen schaut seinen Vater von unten an. Eine Mütze trägt es auf dem Kopf, einen Schal hat es um den Hals gewickelt, die Jacke sieht sehr warm aus. "Müssen die Menschen hier ohne Decke schlafen?", fragt das Mädchen also ihren Vater. "Nein, das müssen sie nicht." Das Mädchen ist noch nicht zufrieden. "Müssen die Menschen hier frieren?", fragt das Kind. "Nein, ich hoffe nicht", sagt der Vater. Dann gehen beide raus aus der Halle. Er hat seine Tochter an der Hand, gemeinsam laufen sie durch die Drehtür nach draußen. Zusammen haben sie kaum Platz in der Abtrennung der Drehtür.

Die Traglufthalle auf dem Hülser Sportplatz am Reepenweg. Wie ein großes Iglu liegt die Halle dort, angestrahlt vom Flutlicht und den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Es ist früher Dienstagabend, 17 Uhr. Die Menschen in Hüls stehen vor der kleinen blauen Drehtür und warten, dass sie hineinkommen. Eine Schlange hat sich davor gebildet, die Hülser warten brav auf den Einlass. Die Stadt bietet ihnen die Möglichkeit, sich die Halle einmal anzusehen. Zu schauen, wie hier die 150 Flüchtlinge ab Donnerstag leben werden.

Die Hallengröße beträgt 36 mal 36 Meter. Dazu kommen zehn Container für sanitäre Anlagen, für die Essensausgabe, Wäsche und die Unterkunftsbetreuung. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Ehrhard Hirsch steht auf den dunkelbraunen Bodenplatten vor einem rot-weißen Flatterband und guckt sich um. Er sieht metallene Bettgestelle, dicht an dicht gedrängt. Er sieht metallene, kleine Schränke, dicht an dicht gedrängt. Was er nicht sieht, sind Trennwände. Die gibt es nicht und es wird sie auch nicht geben. "Es ist total steril hier - und der Geruch", sagt der 63 Jahre alte Ehrhard Hirsch. Seine Frau Antje nickt. "Ich würde hier nicht eine Nacht mit meiner Familie leben wollen", sagt er. Seine Frau ergänzt: "Man kann sich vorstellen, dass es ohne Privatsphäre zu Unruhen kommt." Das wäre aber nicht anders, wenn Deutsche in der Traglufthalle lebten.

Vier Männer fahren hinter der Absperrung ein paar Schränke durch die Halle und sortieren die Betten. Fünf Hochbetten hintereinanderstehen in einer Reihe. Die Matratzen sehen blass aus. Und dünn. Wolfram Gottschalk, Leiter des Fachbereichs Soziales, steigt auf einen Hocker. Er sagt ein paar Sätze zu denen, die es als erste in die Traglufthalle geschafft haben. Etwa: "Die Schränke werden die Privatsphäre etwas herstellen." Oder: "Anders als in den Medien berichtet wird, gibt es weiterhin einen relativ großen Zustrom an Flüchtlingen."

Wer zum Duschen gehen will, muss die Wohnhalle verlassen und einen Container aufsuchen. Duschabtrennungen sind nicht vorgesehen. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Er wisse nicht, wer genau da komme, am Donnerstag. Aber Gottschalk weiß, dass etwa ein Viertel der Menschen, die in Hüls Zuflucht suchen, alleinstehende junge Männer sind. Es ist der Moment, in dem einige Hülser anfangen zu stöhnen. Etwa 38 alleinstehende junge Männer und zwei Personen als Aufsichtspersonal, ein Sozialarbeiter. Ob das reicht?

Außerhalb der Traglufthalle unterhalten sich zwei Frauen und ein Mann. Ihre Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Die Halle sehe sehr gut aus, sagt eine der Frauen, die Betten ebenfalls. "Wenn sich da einer beklagt, dann tut es mir leid", meint sie. "Ich hoffe, dass wir beschützt werden." Sie mache sich schon Gedanken nach Köln. "Wir sind als Frauen Freiwild", glaubt sie. Sie alle hätten Häuser, es gebe Schulen in der Umgebung. "Wir warten ab. Die Polizei hat starke Kontrollen versprochen", erzählt sie. Eine andere Frau glaubt, dass egal was sie sage, die Berichterstattung über die Traglufthalle vorbestimmt sei. Sie erwarte keine kritischen Worte in der Zeitung. Niemand dürfe mehr etwas gegen Flüchtlinge sagen. Aber sie tut es, niemand verbietet ihr die Meinung. Sie könnte sie zu Protokoll geben, aber sie will nicht.

Die Toiletten sind noch nicht fertig; die Türen werden noch montiert. Wiederum gilt: Wer zur Toilette muss, muss die Wohnhalle verlassen. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Rechts von der Drehtür stehen ein paar Container mit den sanitären Anlagen. Sechs Duschen sind pro Container dicht beieinander gebaut. Gegenüber sind fünf Waschbecken befestigt, darüber hängen dünne Spiegel. Im angrenzenden Container sind die Toiletten, abgetrennt durch etwas wie Spanholz. Genau kann man es nicht sehen, die Arbeiten dauern noch an. Aber die winzigen Türen mehren Zweifel, ob ein einzelner Mensch überhaupt auf die Toilette passt. Die Hülser sehen sich alles sehr genau an, achten auf alles. "Der Geräuschpegel ist ja jetzt schon unerträglich", sagt Lothar Kassing. Der 63 Jahre alte Mann hat Zweifel, dass das gut geht, wenn auf Dauer so viele Menschen aufeinander hocken. Zwei bis drei Monate sollen die Menschen in der Halle bleiben und möglichst in Wohnungen überführt werden. Nach Hüls kommen dann die nächsten Flüchtlinge. Aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak.

Ute Zurhausen wohnt in Hüls. Auch sie schaut sich mit einer Freundin die Traglufthalle an. Angst hat sie keine. "Das ist kein guter Ratgeber", sagt sie. Deutschland könne sich nicht heraushalten, könne nicht immer nur nehmen, sondern müsse auch mal geben.

Ute Zurhausen blickt noch einmal auf die Betten, die Schränke, die kalte Decke, den dreckigen Fußboden. "Die Not muss schon sehr groß sein, dass man das macht", sagt die 49-Jährige noch. Dann geht sie nach Hause.

Quelle: RP
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