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Krefeld
Besuch von einem Weltstar

Krefeld: Besuch von einem Weltstar
Thomas Schütte beim Kunsttreff der Montessori-Gesamtschule - im Hintergrund ist das Dia eines der Modelle erkennbar, die als Gebäude in Architektur umgesetzt wurden. Schütte, geboren 1954 in Oldenburg, gilt neben Gerhard Richter als bedeutendster Künstler der Gegenwart. Neben Architekturmodellen gehören Plastiken, Installationen, keramische Arbeiten, Malerei, Zeichnungen, Radierungen, Fotografie zu seinem Werk. Bei der Kunstbiennale Venedig 2005 wurde er als bester Künstler ausgezeichnet; seine Arbeiten werden weltweit ausgestellt, besonders in Europa in den USA. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Der Künstler Thomas Schütte sprach beim Montessori-Kunsttreff auch über den Pavillon im Kaiserpark, den er 2019 errichten wird. Von Jens Voss

Er bastelt; er fummelt; er hat viel Arbeit mit kleinen Dingen; er ist ein langer Schlacks, der Skat spielt, nicht viel Aufhebens um sich macht - und er ist ein Weltstar: Thomas Schütte. Er berichtete in Krefeld in der Maria-Montessori-Gesamtschule über seine Arbeit, und er tat dies wunderbar unprätentiös und amüsant. 2019 wird er im Rahmen des Bauhausjubiläums einen Pavillon im Kaiserpark errichten.

Schütte hat das Puppenhaus neu erfunden - als moderne Kunst: Er baut (unter anderem) Architektur-Modelle, die im Detail bis hin zur Tapete genau sind, sich aber im Ganzen sofort als Skulptur zu erkennen geben. Die Kunstwelt ist seit den 80er Jahren weltweit entzückt darüber.

Er selbst ist über den Erfolg nie zur Diva geworden. Seinen Krefelder Zuhörern schenkte er im Plauderton Sätze, die nach Nebenbei klangen, aber Tiefe hatten: "Es war an alles gedacht", sagte er einmal, "nur nicht an die Realität." Ein Satz wie ein Eingang in die Kunst überhaupt. Das Haus Lange war 1986 "das erste Museum von Rang, in dem ich ausstellen durfte", berichtete Schütte. "Die Seele des Hauses war der Hausmeister, der das Haus pflegte und unten eine Werkstatt hatte und schnell etwas basteln konnte." Basteln. Dieses Wort war wie ein roter Faden in Schüttes Vortrag. Er berichtete viel von der Mühe des Machens. Wie etwa fummelt man zentimetergroße bunte Hängelampen zurecht? Er habe, berichtete Schütte, ein Verfahren mit Hilfe seiner Tochter entwickelt. Und allein in einer Modell-Dusche im Verhältnis eins zu fünf "steckt so viel Arbeit wie in einer echten Dusche".

FOTO: Luise Heuter

Schütte theoretisiert nicht. Warum er eine Modellserie "One Man Houses" (Ein-Mann-Häuser) genannt habe, wisse er nicht, sagte er einmal, und auf die Frage einer Zuhörerin, warum seine Modelle immer auf einem Sockel stünden, stutzte er: "Gute Frage. Ich habe noch nie darüber nachgedacht." Und ergänzt nach kurzem Nachdenken: "Wenn man was baut, soll es auch leicht aussehen"; es sei "das Leichte, Schwebende", was er anstrebe.

Mindestens zwei seiner Modelle sind auch als Gebäude realisiert worden. Skurril ist die Geschichte vom "Ferienhaus für Terroristen", das ein österreichischer Galerist nachgebaut hat. Die Lokalpolitiker haben Probleme gemacht: Ein Haus für wen? In ihrer Gemeinde? Dabei seien keine Terroristen gemeint, die mal Urlaub bräuchten, erläutert Schütte - es gehe um Gesinnungsterroristen, die nur wenige Farben zuließen. Jedenfalls wurde der Titel geändert in "Ferienhaus T". Der Architekt sei während des Baus dem Wahnsinn anheimgefallen, plaudert Schütte trockenhumorig, um dann voller Respekt von den wunderbar glatten Betonbauten im Innern - etwa eine Wand mit Waschbecken aus einem Guss - zu erzählen.

FOTO: Luise Heuter Achtung Bildlegende

Die Besitzer der beiden Gebäudeskulpturen wohnen nicht in ihren Kunsthäusern, erzählte Schütte. Sie schauen vorbei, lesen dort Zeitung und gehen wieder in ihr reales Zuhause. Vielleicht die angemessene Haltung: Skulptur bleibt Skulptur, auch wenn man sie nutzen könnte wie ein Reihenhaus.

Zu den fesselnden Eigenschaften des Erzählers Schütte gehört seine Theorievergessenheit. Er ist keiner, der seitenlange Erklärungen zu seiner Kunst abgibt. Einmal sagte er, er schlage mit seinen "Innenwelten" komplette Lebensentwürfe vor - nur um im gleichen Atemzug zu bemerken: "Ich wüsste nicht, ob ich mit solchen Möbeln leben wollte." Zwischen diesen beiden Sätzen öffnet es sich wieder: das Tor zur Kunst. Seine Innenwelten stiften Kunstinnenräume; die Frage nach den Bezügen zu unseren Lebensräumen stellt sich nach und nach gleichsam sanft ein. Schüttes Kunst verstört nicht, sie schiebt sich als leise sirrender Ton ins Gemüt. In diese Kunst tappt man nicht wie in eine Falle, man tritt über eine Schwelle, möchte sich setzen, um einfach mal nur da zu sein. Und sei es Zeitung lesend.

Ein beeindruckendes Projekt Schüttes, das nur einen Katzensprung von Krefeld entfernt liegt, ist seine Skulpturenhalle nahe der Museumsinsel Hombroich. Die Ur-Idee dazu hat Schütte nachgerade lustig visualisiert: Auf einer Streichholzschachtel liegt ein Pringle-Chip; meint: flacher Kubus mit geschwungenem Dach. Dabei ist es im Groben auch geblieben, nur dass dazwischen unendlich viel Arbeit und Tüftelei steckt.

Licht zum Beispiel kann man nicht am Computer simulieren, erläuterte Schütte, also habe er ein Modell gebaut, das so groß war, dass man echtes Licht einfallen lassen und den Effekt abschätzen konnte: "Bevor man Millionen ausgibt, will man ja wissen, wie es aussieht." Entstanden ist ein Holzstrebendach, das der Halle eine wunderbar weiche Helligkeit verleiht.

Da mit Krefeld die Initialzündung seiner internationalen Wertschätzung als Künstler verbunden ist, hat Schütte zu der Stadt ein rundum positives Verhältnis. "Die Substanz, die Krefeld hat, ist schon ziemlich erstaunlich", sagte er, ebenso wie es erstaunlich sei, "was für eine Intelligenz mal in Krefeld normal war". Erstaunt ist er aber auch darüber, wie wenig Zuspruch Krefelds Museen mittlerweile haben. Ausstellungen seien ja fast "sektenhafte Angelegenheiten".

Vielleicht ändert es sich ja, vielleicht entdeckt Krefeld sich ja mit dem neuen Kaiser-Wilhelm-Museum und dem Pavillon, den Schütte im Kaiserpark errichten wird, neu als Kunststadt. Für Krefelds Museen gilt, was Schütte über seine Kunsthalle gesagt hat: "Einfach mal hingehen." Und sei es, um Zeitung lesend einfach mal nur da zu sein.

Quelle: RP
 
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