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Krefeld
Bewegend getanzter Liebeskummer

Krefeld: Bewegend getanzter Liebeskummer
Liebe - nicht als romantisches Umschwärmen, sondern als schmerzvolles Scheitern schildert die Choreografie "Eine Winterreise". Fürs Publikum war es ein packendes Erlebnis. FOTO: Felix Aarts
Krefeld. Der Choreograf Martin Chaix zeigte in der Fabrik Heeder "Eine Winterreise". Das Tanzstück spielt mit ungewöhnlichen Perspektiven und zeigt zu Schuberts berühmter Musik das ewige Scheitern der Liebe. Für Tänzer und Produktion gab es langen Beifall und Bravo-Rufe. Von Esther Mai

Ist es ratsam sich nur auf die Menschen auf der Bühne zu konzentrieren, die gerade tanzen? Oder sind vielleicht die Akteure spannender, die gerade nicht im Vordergrund stehen? Der Choreograf Martin Chaix rückt in seinem Stück "Eine Winterreise" den Fokus auf die Momente, in denen nicht getanzt wird, und schafft so eine ungewöhnliche Perspektive. Mit seinem Stück, das im Februar Premiere in der Bonner Brotfabrik hatte, war er am Sonntagabend bei "First Steps" in der Fabrik Heeder zu Gast. Die Serie gibt jungen Choreografen die Möglichkeit, ihre Eigenproduktionen auf die Bühne zu bringen.

"Wie kann ich es spannend machen, wenn eine Person fünf Minuten lang nur liegt", fragte sich Chaix, als er mit der Choreografie für seine zweite abendfüllende Produktion begann. Ganz klar, über das Gefühl. Das Gefühl, den schlimmsten Liebeskummer aller Zeiten zu haben, entspannen zu wollen und nicht zu können. Die Tänzerin Ann-Kathrin Adam windet sich, schreckt hoch, krümmt sich in Embryonalhaltung zusammen, dreht und wendet sich auf dem Boden - und kommt einfach nicht zur Ruhe.

Ein Rechteck begrenzt den Raum, in dem sich die Tänzerin bewegt. Und dennoch hat sie eine Freiheit, die auch sie voll ausnutzt: Sie darf sich in das Gefühl fallen lassen, das sie darstellen soll. Mimik, Gestik und manchmal sogar Laute inbegriffen.

"Ich habe an Dich gedacht..." schallt es auf Norwegisch aus den Boxen. Die Musik ist ein Teil des romantischen Liederzyklus "Winterreise" von Franz Schubert und gibt das Thema des Abends vor: das ewige Scheitern in der Liebe - ohne glückliches Ende.

"Ich konnte mich sehr mit dem Gefühl identifizieren. Aber nicht, weil ich ständig traurig bin", sagt Martin Chaix nach der Aufführung, als der Franzose im Choreografen-Gespräch gefragt wird, warum er ausgerechnet Schuberts "Winterreise" als Thema ausgewählt hat. Jeder kenne das Gefühl, dass einem manchmal das Herz schwer wird, wie es die Menschen im Heimatland von Chaix ausdrücken würden. "Und jeder kennt es, auch mal fröhlich sein zu müssen, auch wenn man es nicht ist." Der Choreograf, der seine tänzerische Zusammenarbeit mit Pina Bausch in Paris als größte Inspiration beschreibt, schafft Identifikationspunkte, die schließlich seine Gäste noch lange nach dem Stück beschäftigen.

Ein Klassikthema als musikalische Grundlage beschränkt den Künstler nicht in seiner Musikauswahl. Auch Jazz, Blues und Soundcollagen, wie das Kratzen einer Plattenspieler-Nadel auf einer Vinyl-Platte, finden den Weg in die Ohren der Zuschauer. Das Bühnenbild basiert auf einer kalten Lichtinstallation, die der niederländische Künstler Felix Aarts entworfen hat. Wie ein Baum verzweigt sich seine Skulptur aus Neonröhren und beleuchtet so die Szenen, in denen tieftraurige Verlassenheit, neue Hoffnung und erneute Enttäuschung thematisiert werden.

Und all das stellen die Tänzer Ann-Kathrin Adam, Rashaen Arts und Philip Handschin so facettenreich dar, dass die Zuschauer das getanzte Grundgefühl zwar entschlüsseln können, jedoch nicht unbedingt jede Facette sofort erfassen. "Ich würde das Stück jetzt gerne noch einmal sehen", sagte beispielsweise ein Gast, nachdem Martin Chaix im Interview mit Douglas Batemann viele Einzelheiten aus seinem Stück verraten hatte. Wahrscheinlich hätte das Publikum tatsächlich nichts gegen einen zweiten Durchgang gehabt, da der Applaus und die Bravo-Rufe nach dem Stück minutenlang nicht mehr abebben wollten.

Quelle: RP
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