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Krefeld
Bewegender Film über Anraths letzte Jüdin

Krefeld. Der Kurzfilm "Anrath" zeigt die bewegende Geschichte eines Gestapo-Offiziers, der eine Jüdin mit seinem Fahrrad zur letzten Deportation von Krefeld aus im September 1944 abholt. Bei der Premiere berührte der Film das Publikum heftig. Von Isabel Mankas-Fuest

Der 17. September 1944 ist ein trockener, heißer Tag. Ein Gestapo-Beamter kommt mit seinem Fahrrad zum einem Haus. Nummer 14. Er klopft. Eine Frau mittleren Alters kommt zum Tor. Er hält ihr ein verknittertes Schreiben hin. Sie liest, verstummt und blickt den Offizier an. Ihren Hof und alles andere muss sie an diesem Tag zurücklassen. Mit einer Ausnahme: Der Offizier erlaubt ihr, einen kleinen Koffer mitzunehmen. Wieder wird eine Jüdin deportiert, es ist die letzte aus dem Dorf. Doch dieses Schicksal, das Regisseur Gregor Höppner in seinem Kurzfilm "Anrath" zeigt, berührt besonders. Denn hier werden Fragen aufgeworfen und vieles bleibt offen. So wirkt es lange nach dem Film im Zuschauer nach.

"Ich habe diesen Film geträumt", sagte Gregor Höppner bei der Deutschland-Premiere über seinen Kurzfilm. "Anrath" handelt von der Deportation einer Jüdin, die von einem Gestapo-Offizier mit dem Fahrrad abgeholt wird. Es ist eine fiktive Geschichte, inspiriert von Augenzeugenberichten der Krefelder Jüdin Lore Gabelin. Mit Unterstützung durch Ingrid Schupetta, Leiterin der NS-Dokumentationsstelle, zeigte der Berliner Regisseur jetzt seinen eindrucksvollen Kurzfilm vor einem bewegten Publikum in der Villa Merländer.

Die zweite Film-Einstellung zeigt die Jüdin in ihrem Haus, wie sie für einen kurzen Augenblick inne hält, dann auf die vielen Familienporträts blickt und schließlich mit frisiertem Haar und braunem Lederkoffer in der Hand, an die Haustür tritt. Dem Zuschauer drängt sich an dieser und an weiteren Stellen des Films die Frage auf: Warum versucht sie nicht, zu fliehen? Während die Frau ihren Koffer packt, spaziert der Offizier unaufmerksam im Gemüsegarten herum. Warum ergreift sie jetzt nicht die Gelegenheit und rennt davon? Warum dieser Gehorsam? Die Geräuschkulisse aus Bomben und Sirenen kündet vom Einzug der Alliierten und dem nahenden Ende des Krieges. Doch für die Frau sind diese Zeichen noch nicht als Anfang vom Ende zu deuten. Ihre müden Füße führen sie nur langsam vom Fleck. Als der Offizier ihr den Koffer abnimmt und ihn auf den Gepäckträger schnallen möchte, öffnen sich die Schnallen, der Koffer er fällt zu Boden. Zum Vorschein kommen ein Bügeleisen, Salz und zwei weiße Blusen.

Genaueres erfährt der Zuschauer im Verlauf des Films über die Deportierte nicht. Dafür wird er Zeuge einer ungewöhnlichen Episode. Eine Geschichte, die sich möglicherweise wirklich so, oder so ähnlich, abgespielt haben könnte. Der Kurzfilm ist inspiriert von den Augenzeugenberichten der Krefelder Halbjüdin Lore Gabelin. Sie erzählte die Geschichte einer Verwandten, die zu der letzten Deportation aus Krefeld im September 1944 aus Anrath von einem Gestapo-Beamten persönlich mit seinem Fahrrad abgeholt wurde. Verlässliche Fakten sind jedoch nicht überliefert. Aber diese Begebenheit fesselte Höppner so, dass er sie filmisch umsetzen wollte.

Im Vordergrund von "Anrath" steht die Begegnung zwischen Opfer und Verfolger. Doch Höppner ist nicht daran interessiert, klassische Rollenbilder zu bedienen. Er konzentriert sich auf den kurzen und schicksalhaften Weg vom Haus der Jüdin bis zum Bahnhof. Die Tragik und Ausweglosigkeit der Situation schwingt zwischen den Bildern mit und wird automatisch vom Zuschauer mitgedacht. In konzentrierten Schnitten gelingt es Höppner, diesem dunklen Kapitel der Geschichte einen menschlichen Anstrich zu verleihen.

Der Film vertraut auf das wortlose Spiel der Schauspieler, deren Körper und Blicke sich berühren, ohne auszusprechen, was sie denken und was sie wissen. Am Ende entscheidet sich der Regisseur für einen offenen Ausgang. Wurde die Jüdin wirklich an diesem Spätsommertag deportiert oder nicht?

Der Film bietet eine gute Möglichkeit, auch Schülern ab der 9. und 10. Klasse, an die sich der Film auch richtet, einen Zugang zu Geschichte zu geben. Der Film "Anrath", so der Regisseur, soll in Krefelder Schulen im Geschichtsunterricht gezeigt werden, ein Museum hat ebenfalls Interesse am Film bekundet.

Gregor Höppner verhandelt derzeit mit der Landesmedienzentrale des Landschaftsverbandes Rheinland, ob der als Unterrichtsimpuls gedachte Film auch über die Zentrale verliehen werden kann. Interessierte Lehrer, die den Film im Unterricht zeigen wollen, können sich an das LVR-Zentrum für Medien und Bildung: medien-und-bildung.lvr.de

Quelle: RP
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