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Krefeld
Bewegendes Plädoyer für das Mitgefühl

Krefeld: Bewegendes Plädoyer für das Mitgefühl
Bilderreigen der Bedrückung: Schüler des Fichte-Gymnasiums haben unheimliche Stellen im Schulkeller fotografiert. Die Schwarz-weiß-Aufnahmen spielen mit Licht und Schatten und sollen an die bedrückende Stimmung in den Konzentrationslagern erinnern. FOTO: Bastian Königs
Krefeld. Beim Holocaust-Gedenktag haben Fichte-Schüler Gefühle von Angst und Bedrückung thematisiert – und so für Mitgefühl geworben. Von Natascha Verbücheln

Es ist dunkel, kalt und bedrückend still trotz der rund 80 Menschen, die den Weg durch den engen Tunnel vom Bahnhofsvorplatz zum Südbahnhof suchen. In einer Ecke hocken drei Jugendliche: Ihre Kleider sind zerfetzt, ihre Blicke leer, die Arme schützend um den Körper gelegt. Plötzlich wirft ihnen jemand eine Schüssel mit Reis zu. Die Gruppe zerfällt in Gegner. Ein Kampf um die Schüssel, ums Überleben beginnt. Die Zuschauer schauen zu, wie ein Mädchen zu Boden geht und der Reis in die Luft fliegt.

Die Theaterszene ist Teil des Holocaust-Gedenktages, den Stadt und Fichte-Gymnasium gestern gemeinsam ausgerichtet haben. Der Tag erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar vor 68 Jahren durch Truppen der Roten Armee. "Damals bedeutet in diesem Fall nicht nur Vergangenheit, sondern Gegenwart und wahrscheinlich auch Zukunft. Das heutige Nachfühlen und Mitempfinden ist sehr wertvoll. Es ist der Schlüssel für uns, die wir die Zeit nicht selbst miterlebt haben, wachsam zu bleiben, um dem Extremismus keine Chance zu lassen", sagte Oberbürgermeister Gregor Kathstede in seiner Ansprache.

Zum ersten Mal fand die Veranstaltung nicht in einer Schule, sondern im Südbahnhof statt – unter den Gleisen, über die der letzte Zug zum Konzentrationslager Theresienstadt fuhr. Die Architektur mit engen Gewölben und dunklen Räumen unterstützte die bedrückende Wirkung der Theaterszenen, die die Schüler erarbeitet hatten. Die Szenen zeigten, was mit Menschen passiert, die das Menschliche ausschalten, um zu überleben. "Wir haben uns über Kälte und Hunger, was wir schon kennen, herangearbeitet. Anfangs war es total schockierend, so zu handeln", sagte Schüler Johannes Bartsch. Im Mittelpunkt stand die Frage nach Ausgrenzung und Angst heute. "Wieso meinten so viele, es gehe sie nichts an, was an Unrecht und Leid geschah? Wo fängt das Nicht-Anteilnehmen an? Was ist es, das mich manchmal stumpf oder unempfindlich für die Leiden anderer macht?", fragte Kunsthistoriker Ron Manheim. Es waren unbequeme Fragen, die das Gewissen berühren. Nachdenkliche Blicke der Zuschauer wanderten zu den Wänden. Dort hingen Bilder von Schülern, die das Thema Ausgrenzung konkret machen: Es geht um Dreierbeziehungen, bei denen einer immer der Andere ist: Mal liegt er auf dem Boden, mal steht er abseits, mal wird er getreten. Die Konzentration auf die Farben schwarz und weiß verdeutlicht das Kategoriendenken: Gut und Böse, Dazugehören und Anderssein. "Für Zwölfjährige ist so ein Thema nicht einfach, doch die Bilder sind sehr tiefgreifend und so konkret. Das zeigt, dass viele bereits Erfahrungen mit Ausgrenzung gemacht haben", sagte Manuel Schroeder, Vorstandsmitglied des Kunstvereins Raumordnung, der bei der Vorbereitung half. Der 16-jährige Lukas Pfeil bestätigte diese Einschätzung: "Durch die Projektarbeit bin ich sensibler für mein Umfeld geworden. Früher habe ich zum Beispiel einen blöden Witz gerissen, jetzt überlege ich zweimal, ob ich ihn wirklich erzähle."

Am Ende der berührenden Veranstaltung sagte Schuldirektorin Waltraud Fröchte: "Die Schule ist ein Ort der Begegnung, wo ein jugendliches Ich andere jugendliche Ichs trifft und lebenslanges Lernen beginnt – mit uneingeschränktem Respekt und Verantwortungsbewusstsein." Hinter ihr sitzen die drei Jugendlichen, die sich eben noch für eine Schüssel Reis angefallen haben, und lachen – wie befreit vom Alpdruck der Theaterszene.

Quelle: RP
 
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