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Krefeld
Biologie zum Anfassen am Ricarda Huch

Krefeld: Biologie zum Anfassen am Ricarda Huch
Falkner Wolfram Kassemeck vom Rheinischen Waldpädagogium machte gestern am Ricarda-Huch- Gymnasium praktischen Naturkundeunterricht mit Uhu Bubo. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. Gestern besuchte Falkner Wolfram Kassemeck mit zwei seiner Greifvögel das Gymnasium. Von Bärbel Kleinelsen (Text) und Thomas Lammertz (Fotos)

Frodo ist im Anflug. Der Turmfalke nimmt Kurs auf Daniel. Verschreckt kneift der Gymnasiast die Augen zu - hält aber weiter tapfer seinen Arm mit dem Lederhandschuh dem Greifvogel entgegen. Mit einem letzten Flügelschlag landet Frodo auf dem Handschuh. Und Daniel ist erstaunt: "Der ist ja ganz leicht", wundert sich der Sechstklässler. Falkner Wolfram Kassemeck erklärt: "Stimmt. Ein Turmfalke wiegt nur 200 Gramm, besteht also hauptsächlich aus Federn."

Jeder Sechstklässler des Ricarda- Huch-Gymnasiums darf an diesem Tag Frodo auf die Hand nehmen. Der "Vogel des Jahres 2007" lässt das Hin und Her gelassen über sich ergehen. Er ist Profi und gehört schon lange zum tierischen Team des Rheinischen Waldpädagogiums. "Ich bin überzeugt, dass die Schüler einen wesentlich besseren Eindruck von diesen Tieren bekommen, wenn sie sie hautnah erleben und nicht nur Abbildungen in Büchern betrachten", erklärt Biologielehrerin Heide Roeling, die den Kontakt zu den Waldpädagogen hergestellt hat. Künftig sollen jedes Jahr Schüler diese Erfahrungen machen.

Die Sechstklässler verfolgten den etwas anderen Unterricht begeistert - und zückten ihre Handys. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

So wie Nick, auf dessen Arm Frodo jetzt landet. Der Zwölfjährige versucht, den Turmfalken mit seiner bevorzugten Speise, frische Maus, zum Fressen zu animieren. Fehlanzeige. Frodo mag nicht. "Man kann einen Turmfalken natürlich nicht zum Fressen zwingen", erklärt der Falkner schmunzelnd. Nick versteht das und meint: "Ich mag den Falken. Seine Federn haben eine tolle Farbe." Klassenkameradin Laura ergänzt: "Das Vögel so weich sind, hätte ich nicht gedacht."

Silas, 12 Jahre, ist fasziniert von Uhu Bubo, der Turmfalke Frodo ablöst. "Ein stolzer Vogel, so groß und trotzdem so beweglich." Als hätte es Bubo gehört, breitet er seine Schwingen aus, die eine stolze Spannweite von 1,70 Meter erreichen.

Daniel hält stolz den Turmfalken Frodo auf seiner Hand. Im Schnabel hat der Greifvogel eine tote Maus. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Die Schüler lernen viel in dieser ganz besonderen Unterrichtsstunde. Dass Uhus die größten der 13 in Deutschland vorkommenden Eulenarten sind zum Beispiel. Oder, dass sie ihren Kopf um 270 Grad drehen können, und damit anderen Vögeln, die "nur" 180 Grad erreichen, weit voraus sind. Zum Vergleich: Der Mensch schafft gerade mal eine 90 Grad-Drehung.

"Im Jahr 2005 war der Uhu der Vogel des Jahres. Wisst ihr auch, warum?", fragt Falkner Kassemeck seine Schüler. Einige vermuten, dass die Schönheit des Vogels der Grund für die Ernennung war. Stimmt nicht ganz. Schön ist er zwar, der Uhu, doch leider auch bedroht. Als Vogel des Jahres machte er sozusagen Werbung in eigener Sache. Denn: "Durch die Jagd war der Uhu bei uns fast verschwunden. Inzwischen gibt es wieder rund 2300 Brutpaare in ganz Deutschland, was ein großer Erfolg ist und auch daran liegt, dass Greifvögel nicht mehr bejagt und anderweitig verfolgt werden dürfen", sagt der Vogelexperte.

Und wie alt wird so ein Uhu? Die Kinder raten. Und liegen weit daneben. Der Falkner klärt sie auf: "Also, Bubo ist jetzt genauso alt wie ihr, zwölf Jahre. In freier Wildbahn würde er so 27 Jahre alt. In menschlicher Haltung ist ein Uhu aber auch schon 68 Jahre alt geworden." Die Kinder blicken ihn sprachlos an. "Hallo? Ihr müsst jetzt 'Alter' sagen! Macht ihr doch sonst auch", neckt sie der Vogeltrainer. Die Schüler grinsen. Fast alle haben ihre Handys gezückt, fotografieren und filmen, was das Zeug hält. "Boah, ich hab schon 48 Fotos gemacht", wundert sich eine Schülerin. Lehrerin Roeling schmunzelt. Extra für diesen außergewöhnlichen Anlass hat sie das strikte Handy-Verbot an der Schule gelockert.

Schulleiterin Ulrike Höttges beobachtet interessiert, wie das neue Unterrichtsmodell bei den Schülern ankommt. "Wir wollen am Ricarda- Huch-Gymnasium lebensnahen Unterricht bieten und nicht nur reine Theorie. Da uns für Tagesausflüge aber oft die Zeit fehlt, ist es besser, wenn auf diese Weise das Erleben in den normalen Schulablauf integriert wird. Dadurch fällt dann auch kein Unterricht aus", beschreibt die Direktorin das neue Konzept. Besonders den naturwissenschaftlichen Bereich möchte sie weiterentwickeln. "Wir haben jetzt auch eine Kooperation mit dem Zoo und nutzen die Möglichkeit, die Tierwelt zu erforschen, nicht nur in Biologie, sondern auch in Erdkunde und Kunst. Und in Philosophie beschäftigen wir uns mit dem Menschenbild in Abgrenzung zum Menschenaffen", sagt Höttges.

Uhu Bubo beweist derweil zum Vergnügen der Sechstklässler seine Fähigkeiten im Rätselraten. "Wie heißt die größte Eulen-Art, Bubo?", fragt sein Trainer. "Uhu", antwortet der Uhu. Und gleich die nächste Frage. "Wie heißt eine bekannte Kleber-Marke." Okay, die Antwort kann man sich nun denken.

Den Schülern jedenfalls bleibt dieser Spaß sofort im Gedächtnis. "Ich finde den Uhu toll, weil er so gut Schleichwerbung machen kann", sagt Conrad, elf Jahre, und grinst. Die gleichaltrige Selin faszinieren die Flügel. "Als ich den Uhu gestreichelt habe, habe ich gesehen, wie enorm groß die sind." Sophie, zwölf Jahre, sagt: "Das Gefieder hat sehr interessante Farben." Was besonders die männlichen Uhu-Fans wie Silas beeindruckt, ist die Kraft des 2,5 Kilo schweren Vogels. Falkner Kassemeck erklärt: "Wenn ein Uhu seine Krallen schließt, dann steckt dahinter zehnmal mehr Kraft, als wenn euer Vater eine Faust macht." Zum Abschluss des Unterrichts macht Bubo noch mal das, was er besonders gut kann: fliegen, ohne ein Geräusch dabei zu machen. Er breitet seine Schwingen aus und gleitet auf die Schüler zu. Ein tolles Naturschauspiel - und das mitten in der Krefelder Innenstadt.

Infos im Internet unter www.wald-paedagogik.de

Quelle: RP
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