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Krefeld
Brite macht Kunst nach Kinofilmen

Krefeld: Brite macht Kunst nach Kinofilmen
Chris Shaw Hughs mit Bildern zu "Dogtooth". Der Brite stellt seine Kunst überwiegend in Großbritannien und Bangkok aus - und jetzt in Krefeld. FOTO: L. Strücken
Krefeld. Blockbuster interessieren Chris Shaw Hughes nicht. Aber aus Filmen, die nicht für den Mainstream gemacht sind, schöpft der Brite Ideen. Ab heute zeigt er seine künstlerischen Antworten auf drei - zum Teil umstrittene - Festivalfilme bei "35Blumen". Von Petra Diederichs

Ohne Notizbuch geht Chris Shaw Hughes nie mehr ins Kino. Wenn ihn die Bilder auf der Leinwand packen, greift er zum Stift. Mal ist es die ästhetische Umsetzung eines Themas, mal ist es ein Detail, das seine Gedanken in Gang bringt. Manchmal reflektiert er schon beim Schreiben, was er sieht, manchmal ist er vorerst nur Chronist seiner Wahrnehmungen. Aber immer beginnt im Dunkel des Kinosaals seine künstlerische Arbeit. Für die Räume des Kulturvereins "35Blumen" an der Blumenstraße 35 hat er auf diese Weise den Zyklus "Kino" geschaffen, der bis 6. Dezember zu sehen ist. Die Vernissage ist heute ab 19 Uhr.

Drei Filme sind die Keimzellen für Hughes Arbeiten. Harte Brocken, unbequem, umstritten: "Battle in Heaven" des mexikanischen Regisseurs Carlos Reygada, "Dogtooth" des Griechen Yorgos Lanthimos und der deutsche Film "Kreuzweg" von Dietrich Brüggemann. "Hollywood zeigt eine Welt, die uns als wirklich verkauft werden soll. Filme, die deutlich zeigen: "Alles Film" interessieren mich. Filme, die nicht nur unterhalten wollen, sondern Fragen aufwerfen und einen drängen, tiefer zu denken. Meist sind das ausländische Filme, die ich im Originalton mit Untertiteln sehen. Das schafft eine ganz bestimmte Atmosphäre", sagt Hughs.

Der Geschichte hinter der Geschichte spürt der 59-Jährige nach. Dafür frisst er sich durch Hintergrundinformationen, verschlingt Fachliteratur und stimmt sich auf eine Welt ein, die meist düster ist. In "Dogtooth" geht es um Eltern, die ihre Kinder im Haus von der Außenwelt völlig aussperren. "Das geht so weit, dass sie die Sprache verändern, Dinge umbenennen: Ein Telefon wird nicht so genannt, damit die Kinder nicht fragen, was das ist, und dann eine Ahnung bekommen, dass es draußen eine Welt gibt, mit der man kommunizieren kann", erzählt Hughes. Naheliegend, dass Gewalt und unterdrückte Sexualität im Haus beängstigende Formen annehmen. Szenen, die daraus resultieren könnten, hat Hughes in fotorealistischem Stil gemalt. Die "Unschärfe" in der Darstellung, die Gerhard Richter berühmt gemacht hat, erzielt er, indem er die Oberfläche jedes Bildes sorgfältig mit den Fingerkuppen abklopft und verwischt. "Ich mag die alte Schule der Malerei, für die man die Technik beherrschen muss. Aber mit Althergebrachtem darf ein Künstler nicht langweilen. Er muss neue Themen finden. Deshalb verunsichere ich mit unbequemen Themen", sagt Hughes. Der Blick des Betrachters darf sich nicht ausruhen auf dem fotografisch genau gemalten Gesicht eines jungen Mädchens. Dessen blutverschmierter Mund signalisiert: Das Bild dokumentiert den trostlosen Moment nach einem noch schlimmeren Vorfall. "Man muss nicht den Film kennen, obwohl ich ihn gerne erzähle, wenn man danach fragt", sagt Hughs. "Man kann immer auch seine eigene Geschichte erfinden."

Das gilt auch für den "Kreuzweg", der ein Mädchen als Christusfigur in 14 Stationen die Leidensgeschichte einer Familie erzählen lässt. Der Künstler hat 14 Kruzifixe - alle im Online-Versand erstanden und nicht teurer als zehn Pfund - zum Kreuzweg installiert, mit Plastikmadonna und kitschigem Licht. Unbequem will der Künstler sein, auch unterhalten, aber als blasphemisch versteht er sich nicht. "Jedes dieser Kreuze ist gebraucht, es hat eine Geschichte abseits von dem, was ich jetzt mache. Das nehme ich sehr ernst." Fast gerührt verweist er auf eine französische Handschrift auf der Rückseite eines Holzkreuzes, das die Vorbesitzer und deren Geschichte ganz real werden lässt. In feinen Kohlezeichnungen fängt er gebrochene Charaktere ein, und selbst in Darstellungen der Sexualität - die im mexikanischen Film drastisch dargestellt wird und für einen Skandal sorgte, ist Hughes Vertreter der Ästhetik: "Auch Gewalt und Brutalität haben eine Ästhetik", findet er. Und diese Ästhetik bietet der Kunst Angriffsfläche.

Die Ausstellung ist freitags und sonntags, 16 bis 19 Uhr, geöffnet. Im Rahmenprogramm werden die drei Kinofilme gezeigt. Info www.35blumen.de

Quelle: RP
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