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Krefeld
Britten-Oper als gewaltiges Seelendrama

Krefeld: Britten-Oper als gewaltiges Seelendrama
Heiko Börner als Peter Grimes auf der Anklagebank. Hat er den toten Jungen auf dem Gewissen? Im Hintergrund spähen die Schaulustigen der Dorfgemeinschaft auf die Szene. Ihr Urteil steht fest: Schuldig! FOTO: Matthias Stutte
Krefeld. In Roman Hovenbitzers Inszenierung von "Peter Grimes" übertragen sich die Qualen der Figuren aufs Publikum. Ein überwältigender Abend - vom Premierenpublikum frenetisch gefeiert. Von Petra Diederichs

Das Meer lässt einen nicht mehr los. Fast drei Stunden lang tost und brandet es immer wieder auf. Die Naturmacht schickt sich an, das Parkett zu fluten. Auch wenn jeder weiß, dass nicht einmal die Musiker im Orchestergraben gefährdet sind, weil die Wellen nur Projektion sind, bleibt die Anspannung. Zu geschickt hat Roy Spahn das Bühnenbild zu "Peter Grimes" gestaltet, zu dicht hat Roman Hovenbitzer die Oper inszeniert, die Benjamin Britten direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs uraufführte und dem Komponisten zum Durchbruch verhalf.

Und zu eindringlich machen Sänger und Musiker ihre Sache. Das Zischen und Donnern der Bombardierungen, der beklemmende Rhythmus von Soldatenstiefeln in der Musik muss damals den Menschen ins Mark gegangen sein. Und auch dieser "Peter Grimes" lässt sich nicht abschütteln - nicht in der Pause und auch nicht nach dem frenetischen Beifall des Premierenpublikums.

Die See ist das Bild einer aufgewühlten Seele: Der Fischer Peter Grimes ist aus einem Sturm zurückgekehrt, der Junge, der bei ihm war, ist tot. Es wird niemals geklärt, was auf dem Meer geschah. Vom Mordverdacht wird der Seemann freigesprochen - zumindest von der Justiz. Für die Dorfgemeinschaft ist er ein Kindsmörder. Grimes, der nach Glück, Geld und einem schönen Heim strebt, wird zum Gejagten. Der Mob bedrängt ihn. Als später ein zweiter Lehrjunge von Grimes ums Leben kommt, bleibt ihm als Ausweg nur das, wozu die Meute ihn gedrängt hat: Er sticht in See, um mit dem Boot unterzugehen.

Düster, dunkel und drohend ist "Peter Grimes" meistens zu sehen. Das Team um Hovenbitzer hat es zu einem Psychothriller gemacht, der die Furcht der Menge vor dem Außenseiter und den Druck einer Schuld - ob gerechtfertigt oder nicht, das bleibt offen - seziert. Das Publikum ist bei dieser Autopsie ganz nah am Skalpell. Hitchcock lässt grüßen. Der Altmeister der Hochspannung ist auch dafür berühmt, dass er in jedem seiner Filme in einer Kurzszene auftaucht. So eine Figur ist bei Britten der Dichter George Crabbe, dessen Verserzählung aus dem 18. Jahrhundert die Vorlage fürs Libretto lieferte. Ohne zwingenden dramaturgischen Grund kommt er mehrfach kurz vor und verschwindet wieder.

Hovenbitzer hat die Figur ausgebaut: Als fahler Gevatter Tod geistert Christoph Mühlen durch die Szenen, taucht überall auf, wo das Schicksal zuschlägt, und ohne einen Ton zu sagen oder zu singen, zieht er alle Fäden des Bösen. Schon vor dem Prolog wird er eingeführt - in einer Kasperletheaterbühne, wo die wesentlich radikalere englische Kasperlefigur "Punch" seine Gretel tüchtig vermöbelt. Mit gleicher Wut wird später die Dorfgemeinschaft gegen Grimes zu Felde ziehen. So eng wie ein Kasperle-Theater ist der Holzkasten, in dem sich die Ereignisse zuspitzen - und der mit Meer-Video bespielt wird, sich so öffnen und schließen lässt, dass er Gradmesser für die Stimmungstemperatur der kochenden Volksseele wird.

Der Chor - verstärkt durch den Extrachor und von Maria Benyumova mit höchster Präzision instruiert - ist eine Wucht. Auch im optischen Sinne. Wie eine Wand drängt die Meute vor, skandiert "Peter Grimes" und fordert Blutzoll. Die Niederrheinischen Sinfoniker sind in überragender Form. Generalmusikdirektor Mihkel Kütson holt die schillerndsten Farben heraus. Feine Landschaften, tosende Gewalten - im Graben jagt ein Wetterleuchten das nächste. Das von Britten hochdramatisch angelegte Klangszenario zieht in den Bann. Selbst wenn der Vorhang zwischen den Szenen geschlossen bleibt, treibt die Musik die Spannung in die Höhe. Momente der absoluten Stille werden zum Thrill.

Heiko Börner ist ein Grimes zum Mitleiden. Er ist weniger der Bösewicht als der Verzweifelte, unter dessen Grobheiten noch die Sehnsucht nach einem besseren Leben keimt. Sein Tenor strotzt vor Kraft und hat in den entscheidenden Momenten eine Zartheit, die berührt. Als raubeiniger Kapitän ist Johannes Schwärsky einer der Letzten, die noch zu ihm stehen. Sein warmtönender Bariton gibt der Figur eine tiefe Menschlichkeit. Als Ellen Orford ist Izabela Matula der Strohhalm, an den sich Grimes klammert. Ihr klarer, kräftiger Sopran strahlt Optimismus aus - fast bis zuletzt.

Wenn die Meute sie zur Mitschuldigen stempelt, zeigt ihre Stimme jene Brüchigkeit, die das Ausmaß der Tragödie erfassbar macht. Für das hervorragend eingestimmte Trio gab es Ovationen. Aber auch die mittleren Rollen überzeugten als makellose Rädchen in Hovenbitzers Feinmechanik: Satik Tumyan als resulte Wirtin, Sophie Witte und Debra Hays als deren kecke Nichten, Andrew Nolen als staatsmännischer Bürgermeister, Gundula Schneider als klatschsüchtige Witwe, Michael Siemon (Pastor), Rafael Buck (Apotheker), Matthias Wippich (Fuhrmann) und Jonas Trebo als Junge sowie für die Kostüme von Magali Gerberon. Eine rundum stimmige Sache.

Weitere Aufführungen: 4. und 23. Oktober, 10. und 25. November, 8. Dezember. Kartenreservierung unter Telefon 02151 805125. Die Aufführung dauert 2 Stunden 45 Minuten. Es gibt eine Pause nach dem ersten Akt.

Quelle: RP
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