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Jürgen Steinmetz
"Da sollte man nichts schönreden"

Jürgen Steinmetz: "Da sollte man nichts schönreden"
"Wenn man die Entwicklung bei den ZARA-Häfen - also den Häfen in Zeebrügge, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam - sieht, halten wir nicht Schritt": Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein. FOTO: samla
Krefeld. Ein Jahr ist IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz im Amt - wir sprachen mit ihm über das dramatische Wachstum beim Gütervekehr, über den Drang junger Leute zur Uni und die trübe Lage von NRW im Vergleich zu den anderen Ländern.

Sie sind ein Jahr im Amt - welche Themen waren dominant?

Steinmetz Duale Berufsausbildung, Metropolregion Rheinland und das Thema Infrastruktur in unserer Region. Wir haben uns sehr intensiv mit Fragen der Erreichbarkeit unserer Unternehmen, der verkehrlichen Situation und generell mit dem Bundesverkehrswegeplan beschäftigt.

Ist das Thema Infrastruktur ein brennendes Thema in der Region?

Steinmetz Unbedingt.

Welcher Verkehrsweg steht im Fokus - Straße, Schiene, Wasser?

Steinmetz Alle. Ich komme morgens über die A 57 nach Krefeld . . .

Mein Beileid.

Steinmetz (lacht) . . . und da weiß man, wie wichtig das Thema ist. Ein Schwerpunkt sind sicher die Häfen. Ich habe mir im vergangenen Jahr Rotterdam angeschaut, ich kenne die Prognosen und weiß, was an Verkehr auf das Rheinland zukommt.

Also hat der Ausbau des Krefelder Hafens Priorität?

Steinmetz Ich glaube, dass wir in der Tat einen weiteren Ausbau der Häfen in Krefeld und Neuss brauchen. Nicht nur, weil sie Erfolgsgeschichten sind und es dort wirtschaftliche Dynamik gibt, sondern auch aus ökologischen Gründen. Wir werden die Verkehrsströme der Zukunft nur bewältigen, wenn wir zu einer Verschiebung bei den Verkehrsträgern kommen, sprich zu einer Verlagerung von der Straße aufs Binnenschiff. Das geschieht noch zu wenig. Deshalb ist auch die Rheinvertiefung wichtig.

Geht der Ausbau der Infrastruktur schnell genug in Deutschland?

Steinmetz Nein. Wenn man die Entwicklung bei den ZARA-Häfen - also den Häfen in Zeebrügge, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam - sieht, halten wir nicht Schritt. Auch der Breitband-Ausbau ist in unseren Städten und Gemeinden viel zu langsam.

Von welchem Zeithorizont reden wir?

Steinmetz Der Bundesverkehrswegeplan reicht bis zum Jahr 2030; parallel dazu reden wir von einer Güterverkehrsprognose, die von einer Steigerung im Rheinland um 60 Prozent ausgeht. Das heißt, dass wir, wenn wir die Planziele bis 2030 abgearbeitet haben, mit unserer Planung bereits wieder hinterherhinken. Ich kann nur hoffen, dass die 280 Milliarden Euro, die deutschlandweit in die Infrastruktur investiert werden sollen, tatsächlich eingesetzt werden und nicht aus Mangel an Planungskapazität liegenbleiben.

Gibt es auch gute Nachrichten aus Ihrer Sicht?

Steinmetz Mit der Offenlage der Regionalplanung ist etwas Gutes gelungen. Wir haben eine Reihe von Gewerbeflächen in unserer Region in den Plan bekommen, die eine Perspektive für Erweiterungen bedeuten.

Sie meinen unter anderem das Interkommunale Gewerbegebiet Krefeld / Meerbusch?

Steinmetz Ja. Das ist eine Premiumfläche mit einer besonderen Lage und Anbindung, die weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit erfahren und damit zu Wachstum und Beschäftigung beitragen wird.

Und welche Bretter sind besonders dick?

Steinmetz Ein Punkt, bei dem wir dranbleiben müssen, ist das Thema Standortkosten. Das Thema Gewerbesteuern bleibt schmerzhaft. Es fällt den Kommunen häufig zu leicht, an der Einnahmeschraube zu drehen, anstatt auf der Aufwandseite zu streichen und zu fragen: Was kann ich da verbessern?

Aus der Politik kann man schon mal hören, dass die Gewerbesteuer nur ein Faktor unter vielen ist und nicht überschätzt werden darf.

Steinmetz Da sollte man nichts schönreden. Die Höhe der Gewerbesteuer bleibt ein zentraler Faktor für unternehmerische Standortentscheidungen. Darüber habe ich kürzlich noch mit einem Unternehmer aus Krefeld gesprochen. Er wird Krefeld wegen der Gewerbesteuererhöhung zwar nicht mit seinem Unternehmen verlassen, aber überlegt angesichts einer der höchsten Gewerbesteuerquoten in der Region schon, wo er Expansionen realisiert - ob in Krefeld oder woanders.

Die Politik sagt, es sei eine moderate Steuererhöhung gewesen.

Steinmetz Es bleibt aber dabei: Krefeld hat jetzt mit die höchste Quote der Region. Und ich sage es umgekehrt: Wenn man lange nicht dran war, gab es eben schon lange einen relativ hohen Gewerbesteuerhebesatz in Krefeld. In der Region gibt es mit Düsseldorf eine Kommune, die seit 2011 einen gleichbleibenden Gewerbesteuerhebesatz hat. Das geht also auch. In unserem IHK-Bezirk sind nur sechs von 19 Gemeinden unter diesem Satz. Das stimmt nachdenklich.

Ist das Thema Flüchtlinge wichtig für die Wirtschaft?

Steinmetz Ja; wir haben mittlerweile zwei Mitarbeiter an Bord, die Arbeitgeber über die Integration von Flüchtlingen in Unternehmen informieren. Die Wirtschaft möchte einen Beitrag leisten und natürlich auch qualifizierte Arbeitskräfte gewinnen.

Was sind die Themen der Zukunft?

Steinmetz Neben den genannten Feldern wie der Metropolregion Rheinland, dem intensiven Dialog mit Politik und Verwaltung sowie der Mobilität wird für uns ein ganz wichtiges Thema die Berufsqualifizierung sein. Sehr viele Jugendliche bevorzugen ein Studium, obwohl sie für eine duale Ausbildung vielleicht viel besser geeignet wären. Die beruflichen Aussichten mit Studium werden teilweise überschätzt, und der Industrie fehlen Fachkräfte. Am 1. August hat ein Ausbildungsjahr begonnen - jetzt haben wir immer noch zahlreiche unbesetzte Ausbildungsplätze in der Region. Auch das lebenslange Lernen gewinnt vor dem Hintergrund längerer Arbeitsbiografien an Gewicht.

Wie steht es um den Zuspruch der Mitglieder zur IHK? Die Mitgliedschaft ist Pflicht - kommen ihre Mitglieder der Pflicht gerne nach?

Steinmetz Das ist sicher ein Thema, das wir im Blick haben. Wir möchten so gut sein, dass wir auch ohne gesetzliche Mitgliedschaft gebraucht und genutzt werden. Wir wollen exzellenter Dienstleister für die Unternehmen sein. Wir haben deshalb auch eine Mitarbeiterin, die die Angebote der IHK vor Ort, also in den Unternehmen, vorstellt, und wir haben einen Dienstleistungskatalog entwickelt.

NRW stand in den vergangenen Monaten öfters im Fokus der Kritik. Wo steht das Bundesland?

Steinmetz Die Ergebnisse sind nicht gut. Nullwachstum, sprich: beim Wachstum 16. Platz von 16 zu vergebenden Plätzen. Wir nehmen auch wahr, dass mehr bürokratische Hürden aufgebaut als Wachstumsimpulse gesetzt werden. Naturschutzgesetze, Landesentwicklungsplan, Tariftreue- und Vergabegesetz - das alles trägt nicht gerade dazu bei, dass Wachstum angestoßen wird.

Gibt es einen Wunsch für Krefeld?

Steinmetz Ich wünsche mir, dass die gute Stimmung, die in den vergangenen Monaten zu spüren ist, weiter an Fahrt aufnimmt; es gab Initiativen und Investitionen, die Schritte nach vorn bedeuteten und Krefeld vorangebracht haben. Das ist eine gute Grundlage für eine positive Entwicklung der Stadt und macht viel Freude.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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