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Krefeld
Krefelder Anwältin hilft in Idomeni

So verheerend ist die Situation der Flüchtlinge
Krefeld. Es gibt auch gute Tage. An diesem Nachmittag ist ein solcher Tag. Die Sonne scheint, Kinder lachen, viele Menschen genießen das angenehm warme Wetter und nutzen die sonnigen Stunden, um ihre nassen Sachen zu trocknen. Von Bärbel Kleinelsen

"Noch gestern sah es hier ganz anders aus", berichtet Darina Finsterer. Die Krefelder Anwältin ist für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in der nordgriechischen Region Idomeni im Einsatz, in der aktuell um die 12.000 Menschen in Notunterkünften leben.

Einen Tag zuvor hatte der Sturm im Lager gewütet, an den Zeltstangen gerüttelt und Toiletten umgeschmissen. Vor dem Sturm kam der Regen. Sintflutartige Güsse setzten das ganze Lager unter Wasser. "Es war einfach alles und jeder nass. Man kann sich das nur schlecht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Alle hier haben entweder Schnupfen, Husten oder Grippe", schildert die 43-Jährige die Situation, die vielen vielleicht aus den Berichten von Norbert Blüm bekannt ist.

Flüchtlinge in Idomeni trauern mit Belgien

Der 80-Jährige hatte vor kurzem bei strömendem Regen eine Nacht inmitten der Flüchtlinge in einem Zelt geschlafen. Darina Finsterer erinnert sich: "Als er hier angekommen ist, war er richtiggehend schockiert von den Zuständen vor Ort. Das Elend der Menschen hat ihn sichtlich bewegt. Ich finde auch, dass er seine Eindrücke anschließend in den Medien sehr gut zum Ausdruck gebracht hat. Er ist ein sehr netter, herzlicher Mann. Und noch dazu richtig tough. Er hat doch tatsächlich im Zelt übernachtet - großartig! An das Treffen mit ihm werde ich mich sicher immer gerne erinnern."

Viele Erinnerungen, die ebenso bleiben werden, sind weniger schön. Verzweifelte Menschen, die der Helferin aus Deutschland, dem Land, in das sie alle Hoffnungen setzen, sagen: "Wir bleiben, bis wir sterben. Wo sollen wir auch sonst hin?" Neugeborene, die weinend in den Armen ihrer vom Regen durchnässten Mütter liegen. Und immer wieder kranke Menschen, viele davon sehr krank sogar. Das Team von Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass in vier Tagen bis zu 700 Menschen behandelt wurden, mehr als die Hälfte davon seien Frauen und Kinder gewesen.

Diese Bilder gingen um die Welt: Verzweifelte Flüchtlinge campen zu tausenden in Idomeni. Nach sintflutartigen Regenfällen ist der Platz komplett aufgeweicht. Zwischen den Pfützen stehen die zum Teil in Plastiktüten eingepackten Habseligkeiten der Menschen. "Helft uns" steht auf den Schildern. FOTO: Finsterer

Die Helfer appellieren an die Politiker Europas: "Die humanitäre Situation der Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze ist untragbar." Auch die Krefelderin, die schon viel Elend weltweit gesehen hat, sich in ihrer Heimatstadt für die Bürgerstiftung und die Flüchtlingshilfe St. Tönis einsetzt, ist fassungslos, angesichts dessen, was in diesem Camp mitten in Europa geschieht. "Bisher weiß keiner, was mit den Leuten passieren soll, die sich schon lange in diesem Lager aufhalten. So kann und darf die EU einfach keine Menschen behandeln. Ich hätte nie gedacht, dass man sich mitten in Europa so allein gelassen fühlen kann."

Wie Darina Finsterer ergeht es vielen Helfern. Eine Krankenschwester im Team, die bereits sieben Einsätze in Krisengebieten hinter sich hat, bezeichnet diesen als den mental schwierigsten. Finsterer erklärt: "Viele hier haben einen Angehörigen verloren, der auf der Flucht ertrunken ist. Trotzdem ist die Verzweiflung so groß, dass die Menschen immer wieder waghalsige Manöver riskieren, um ihrem Elend zu entfliehen."

Selbst im Grenzfluss in Idomeni sind vor wenigen Tagen drei Menschen ertrunken, als sie nachts versuchten, die geschlossene Grenze nach Norden zu überqueren. Mit Schaudern erinnert sich die Juristin an rund 2000 Flüchtlinge, die sich Mitte März zu Fuß, mit Rollstuhl, Kinderwagen oder an Krücken auf den Weg machten und einen reißenden Fluss an der Grenze zu Mazedonien überqueren wollten. Mehrere Menschen starben. "Wir Helfer haben einen Psychologen von Brüssel gestellt bekommen, der uns eine Woche lang vor Ort zur Verfügung stand und den wir jetzt noch telefonisch erreichen können. Es ist schwer, das Elend nicht allzu nah an sich herankommen zu lassen, aber es ist notwendig, um überhaupt vor Ort helfen zu können", versucht Darina Finsterer zu erklären. Trotz allen Elends seien die Menschen im Camp aber unglaublich freundlich und hilfsbereit. "Sie teilen selbst das wenige, was sie noch haben, mit den Helfern. Man nimmt es natürlich nicht an, weil man weiß, dass sie es dringender brauchen als man selbst. Aber die Geste ist unheimlich schön."

Tag und Nacht ist Darina Finsterer in der nordgriechischen Region Idomeni im Einsatz, um Hilfe für die 12.000 Menschen in den Notunterkünften zu organisieren.

Mitte April wird Darina Finsterer zurück nach Krefeld kommen und Zeit brauchen. Zeit, um sich wieder in dem geregelten Alltag zurechtzufinden, Zeit aber auch, um Verständnis für die " kleinen Probleme" ihrer Mitmenschen aufzubringen. "Wenn man das hier hautnah miterlebt, dann weiß man erst, wie dankbar wir in Deutschland für unser zivilisiertes Leben sein können. Ich würde mir deswegen sehr wünschen, die politischen Entscheidungsträger würden mehr Menschlichkeit zeigen und verstärkt eine humanitäre Lösung des Problems anstreben."

Quelle: RP
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