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Grundschulrektor Alfred Kuhn
"Das Basiswissen kommt viel zu kurz"

Krefeld. Morgen wird Alfred Kuhn, Rektor der Regenbogen-Grundschule an der Gladbacher Straße, verabschiedet. Unter seiner Leitung gelang es, im Stadtteil Christen und Muslime auf kultureller und religiöser Ebene zu vernetzen.

Südwestbezirk Am morgigen Donnerstag wird Alfred Kuhn nach 40 Jahren im Schuldienst mit einer Feierstunde in den Ruhestand verabschiedet. 20 Jahre lang hat er die Regenbogenschule im Südwestbezirk geleitet.

Herr Kuhn, Sie sind ja eigentlich gelernter Hauptschullehrer. Wie kam es, dass Sie Leiter einer Grundschule geworden sind?

Kuhn Die Arbeit an der Hauptschule hat mir viel Spaß gemacht, ich war furchtbar gerne Klassenlehrer. Ich kam aus der Jugendarbeit der Katholischen Kirche und hatte immer ein sicheres Gefühl, mit jungen Leuten umzugehen. Ein Grund, warum ich mich zum Wechsel auf die Grundschule entschieden habe, war, dass wir uns an der Hauptschule immer geärgert haben, dass die Kinder, die zu uns kamen, zu wenig an Wissen mitbrachten. Ich bin dann allmählich zu der Überzeugung gekommen, dass man, um daran etwas zu ändern, an der Basis - in der Grundschule - etwas tun muss.

Sie sind dann aber nicht Grundschullehrer geworden, sondern direkt Konrektor?

Kuhn Das ging nicht anders. Ich hatte den falschen Stufenschwerpunkt, und konnte nur über ein Beförderungsamt an die Grundschule wechseln. So kam ich 1990 als Konrektor an die Katholische Grundschule Feldstraße.

Wie haben Sie den Wechsel gemeistert?

Kuhn Streng genommen hatte ich ja von Grundschule keine Ahnung. Mein jüngster Sohn war damals auch gerade eingeschult worden, so haben wir zusammen gelernt. Ich habe mir immer abgeguckt, was er gerade machte (lacht). Natürlich gab es auch gute Fortbildungen. Sechs Jahre später kam dann das reizvolle Angebot, als Rektor eine Grundschule neu aufzubauen.

Und das war die Regenbogenschule?

Kuhn Ja. Wobei es den Namen ja auch noch nicht gab. Den habe ich mir ausgedacht, und war zunächst der Meinung, der sei was ganz Besonderes. Erst später habe ich festgestellt, dass es schon ganz viele Schulen mit dem Namen gab.

Was sah der Start an der Lehmheide vor 20 Jahren aus?

Kuhn Es gab nur das Schulgebäude. Wir haben von der ersten Büroklammer an alles andere selber gemacht und aufgebaut, konnten alles selber bestimmen: Welche Möbel angeschafft werden sollten, welche Bücher, wie wir arbeiten wollten. Das war schon etwas Besonderes.

Wer war "Wir"?

Kuhn Damals gab es 56 Kinder, zwei Kolleginnen und mich und eine sehr engagierte Elternschaft. Die hatte schon einen Förderverein gegründet, bevor es die Schule überhaupt gab. Unsere Gründungseltern wollten "ihre" Schule daraus machen, waren sehr motiviert.

Ist das heute immer noch so?

Kuhn Schule und Erziehung haben sich seitdem sehr verändert. Das mag auch an unserem Einzugsgebiet liegen. Ein krasses Beispiel ist, wenn zum Infoabend vor Beginn der ersten Klasse von 50 i-Dötzchen nur 17 Eltern teilnehmen. Die Eltern ziehen sich zurück, lassen Schule mit den Kindern allein, nach dem Motto "Macht mal". Unser Erziehungsauftrag ist dadurch viel größer geworden und geht weit darüber hinaus, den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.

Wie gehen Sie mit diesem Phänomen um?

Kuhn Wir haben immer auf die Bedürfnisse der Kinder reagiert. Zum Beispiel haben wir gesehen, dass viele Kinder nachmittags einfach hier gelassen wurden und Betreuung brauchten und waren dann eine der ersten Schulen in Krefeld, die einen offenen Ganztag angeboten haben.

Auf welche Erfolge Ihrer Arbeit blicken Sie gerne zurück?

Kuhn Ich bin sehr stolz darauf, dass wir es geschafft haben, die Menschen im Stadtteil, Christen und Muslime, auf kultureller und religiöser Ebene zu vernetzen. Anfänglich gab es Schwierigkeiten, zu Beginn durften die Muslime beispielsweise nicht mit in die Kirche gehen. Aber als wir gezeigt haben, dass wir auch bereit waren, in die Moschee zu gehen, uns gegenseitig zu tolerieren, ohne uns zu verbiegen, haben wir es geschafft, dass wir alle gemeinsam viermal im Jahr gemeinsam Gottesdienst feiern, mal in der evangelischen oder katholischen Kirche, mal in der Moschee.

Welche Grundschul-Reformen würden Sie anschieben, wenn Sie Bildungsminister wären?

Kuhn Mehr Lehrer, kleinere Klassen mit nicht mehr als 20 Kindern. Den Lehrstoff abspecken, sich wieder aufs Wesentliche konzentrieren. Heute kommen Rechnen, Schreiben, Lesen viel zu kurz. Es bleibt viel zu wenig Zeit, Basiswissen wie das Kleine Einmaleins gründlich einzuüben. Stattdessen stehen auf dem Lehrplan Dinge wie Wahrscheinlichkeitsrechnung. Kinder brauchen keine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Aber wenn man sie nachts weckt, müssen sie wissen, was 7 x 8 ist.

War das früher anders?

Kuhn Vor zehn Jahren hatte man noch Zeit, mit den Kindern mal mit dem Schwungtuch auf den Hof zu gehen. Heute gibt es viele Anforderungen, die Schule belasten.

Wird Ihnen der Übergang in den Ruhestand schwer fallen? Was haben Sie vor? Was werden Sie vermissen?

Kuhn Vermissen werde ich auf jeden Fall die Kinder, dass der emotionale Kontakt wegfällt. Nicht vermissen werde ich die Anforderungen des Schulamts und aus Düsseldorf. Ich habe keine Angst vor dem Ruhestand, aber ich bin gespannt darauf. In den vergangenen Monaten habe ich die Fühler schon ein bisschen ausgestreckt, bin beispielsweise seit kurzem Schiedsmann. Wahrscheinlich werde ich mich für den Verein "Anstoss" engagieren. Und vielleicht im Buchladen meiner Tochter in St. Hubert öfter mal aushelfen, das macht mir Spaß. Ich habe einen Enkel, ein zweites Enkelkind ist unterwegs. Das läuft schon.

CAROLA PUVOGEL STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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