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Krefeld
Das göttliche Cis klingt im Schwanenmarkt

Krefeld: Das göttliche Cis klingt im Schwanenmarkt
"Orakel" heißt die rund 22 Quadratmeter große Klangskulptur, die der Schlagzeuger Waldo Karpenkiel im Schwanenmarkt installiert hat. Er zeigt, wie jeder Besucher Klänge per Bewegung selbst erzeugen kann. Nur die Bronzeröhren sind einheitlich gestimmt auf "Cis", den heiligen Ton der indischen Musik. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Waldo Karpenkiel zeigt im City-Center bis Samstag eine begehbare Klanginstallation. Mit der Aktion will die freie Kulturszene Krefelds auf die Vielfalt des künstlerischen Angebots aufmerksam machen - an ungewohnten Orten. Von Petra Diederichs

Waldo Karpenkiel gibt dem Zufall nur einen begrenzten Raum - auch dann, wenn es um Improvisation geht. So hat der Musiker auch fast ein halbes Jahr lang am Konzept für "Orakel" getüftelt, seine erste Klanginstallation, die bis Samstag die Passanten im Schwanenmarkt überraschen und zum Ausprobieren anregen soll.

Der Titel bezieht sich auf die antiken Orakelstätten, an denen Priester und Seher ihren Zeitgenossen die Zukunft weissagten. Die Priesterschaft hat mit Geräuschen und optischen Signalen - etwa Blättern oder Materialstreifen, die sich im Wind bewegten und wisperten, das Interesse der Leute geweckt. So soll es in diesen Tagen auch in der Einkaufspassage passieren: Dort, wo zur Weihnachtszeit die Krippe aufgebaut ist, hängen nun von einem Metallgestell Hölzer, Gläser, Keramikgefäße und Metallstäbe herab und bilden einen offenen, begehbaren Quader. Wer sich hinein begibt, erlebt eine Klangwelt, die er selbst erzeugt. Auf Pusten, Antippen und Schlagen mit den vorgesehenen Klöppeln und Drummersticks bewegen sich die Elemente, stoßen aneinander und klingen.

Für die Installation hat sich Gentleman-Drummer Karpenkiel ebenfalls Anregungen in der Historie geholt. "Es gab einen Kreis aus Metallkesseln, den die Menschen auf dem Weg zu einem Orakel durchqueren mussten. Der Durchgang war so schmal, dass sie dabei die Kessel berührten und in Schwingung versetzten."

Im Krefelder Orakel erzeugt jeder, der eintritt, Töne auf den Elementen, "die das Material symbolisieren, aus denen Städte gebaut sind", sagt Karpenkiel: Holz, Erde (Keramik), Glas und Metall. Allein die Bronzestäbe sind kein Zufallsklangwerk: Die hat Karpenkiel so zuschneiden lassen, dass sie auf "Cis" gestimmt sind. "Ich habe einen starken Bezug zur indischen Musik. Und die Gongs in den Tempelanlagen und die Klangschalen dort sind meistens auf Cis gestimmt. Das ist der Vater aller Töne und wird der Sonne zugeordnet", erzählt er.

Mehrere Aphorismen - unter anderem von dem Avantgardemusiker John Cage und dem vorsokratischen Philosophen Heraklit - stimmen auf das Klangexperiment ein und ermutigen, zunächst die Stille auf sich wirken zu lassen und dann ein Gespür auch für sanfte Tonerzeugung zu entwickeln. "Glücksrad und Shopping-Stände kann jedes Center. Wir wollen eine Plattform für Kunst und Kultur bieten", sagt Christopher Wessel, stellvertretender Centermanager. Und nach dem Opern-Experiment mit dem "Freischütz" vor wenigen Wochen etabliert sich der Schwanenmarkt inzwischen als interessanter Musik-Ort. Für die Initiative "Die 10.000 Euro-Show" ist die Passage ein idealer Platz, weil sie von viel Publikum frequentiert wird, das hier nicht mit künstlerischer Aktion rechnet. "Wir verstehen uns als Leistungsschau der kompletten freien Krefelder Kulturszene", erklärt Jörg Enger, Mit-Initiator von "Die 10.000 Euro-Show". Der Name der Initiative steht für den fiktiven Eintrittspreis, den die Veranstaltungen der Freien Szene aus eigener Sicht verdient hätten. Enger: "Um darauf aufmerksam zu machen, gehen wir mit unseren Programmen überall dorthin, wo Menschen üblicherweise nicht sind, um Kultur zu erleben." Eine Hand voll Projekte hat die Gruppe bereits umgesetzt: Auf dem Bismarckplatz gab es eine "lebende Skulptur" für einen Tag, im Behnisch-Parkhaus haben Akteure ein "Soundscape" mit Klang- und Geräusch installiert, und im Stadtwald hatte man zu einem Wanderkonzert eingeladen. "Wir verstehen uns als anarchisches Projekt ohne feste Leitungsstruktur, bei dem jeder jederzeit mitmachen kann", sagt Enger. Ihren Anfang nahm die Initiative, die sich in der Nachfolge der "Dritten" sieht - einem agilen und erfolgreichen Zusammenschluss der Freien Szene in den 1970er und 80er Jahren -, im Südbahnhof. Dort hatten sich vor geraumer Zeit sieben Künstler getroffen, um zu erkunden, wie sie ihre Stadt sehen und hören. Schnell seien sie sich einig gewesen, dass dieses Stadterforschungsprojekt Fortsetzungen und Öffentlichkeit brauche. Inzwischen gehören mehr als 90 Kulturschaffende zur "Show". Am 28. Oktober soll in der Friedenskirche eine große (noch geheim gehaltene) Marketing-Kampagne starten.

Quelle: RP
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