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Krefeld
Das künstlerische Ringen als Tanz-Kunst

Krefeld: Das künstlerische Ringen als Tanz-Kunst
Beim Tanzgastspiel des Kölner FREIraum-Ensembles im Innenhof von Fabrik Heeder gaben die Tänzer Einblick in ihre künstlerischen Hintergründe und Inspirationen. Zu zweit oder zu viert bildeten sie wilde Körperknäuel, bewegten die Arme flügelgleich, räkelten und streckten sich in alle Richtungen. FOTO: Mark Mocnik
Krefeld. Das Kölner FREIraum Ensemble präsentiert am Samstag "Here I Am" als szenische Open-Air-Aufführung im Innenhof der Fabrik Heeder. Die ausdrucksstarken Tänzer gaben Einblick in ihre künstlerischen Hintergründe und Inspirationen. Von Isabel Mankas-Fuest

Besser hätten die Bedingungen für die Tänzer des Kölner FREIraum Ensembles an diesem Samstag nicht sein können: blauer Himmel, eine sanfte Brise und angenehme 25 Grad locken die Zuschauer zahlreich zur Uraufführung von "Here I am" im Rahmen von "Move! in town" in den Innenhof der Fabrik Heeder. Auf den ersten Blick wirkt der Hof - erst der Blick auf die linke Treppenstufe verrät, dass sich Musiker, Tänzer und Publikum an diesem Abend einen Raum teilen werden.

Da der Eingangsbereich zur Studiobühne bereits vom Streichquartett belegt ist, steuert ein Großteil der Zuschauer zur rechten Seite des Hofes, um auf den freien Treppenstufen Platz zu nehmen, andere bleiben vor dem Bereich der Pförtnerloge stehen und wieder andere stehen frei im Hof herum. Schnell schweift der Blick nach oben, zu den Balkonen. Über dem Geländer hängt Wäsche, zwei Tänzer ziehen sich an, während sich unten im Innenhof zwei weitere Akteure unters Publikum mischen.

An Pfeiler gelehnt und auf Treppenstufen stehend, dehnen sie Arme und Beine und bereiten sich vor, auch die Musiker wärmen sich auf, ein letzter Soundcheck, bevor es losgehen kann. "Here I am. Here you are - so we are" tönt es aus den Boxen - das titelgebende Musikstück könnte auch als Mantra der dichten, knapp 60-minütigen Performance gelten. Denn hier sind die Künstler - hier ist das Publikum und zusammen entsteht ein Stück, das von der Anwesenheit des anderen lebt. Wie sieht der Alltag eines Tänzers aus? Was treibt die Künstlerinnen und Künstler an? Und warum will jemand überhaupt auf die Bühne? Das waren Ausgangsfragen, mit denen sich Ruben Reniers und Arthur Schopa vom FREIraum Ensemble bei der Entwicklung des Stücks beschäftigt hatten. Tänzerisch umgesetzt finden sie hierfür sehr schöne und assoziationsreiche Bilder. Gleich zu Beginn etwa, wenn sich alle vier Tänzer kreisförmig aufstellen, einem Uhrwerk gleich, in dem ein Rädchen ins andere greift, drehen sie sich, erst langsam, dann schnell, musikalisch unterstützt durch tickende Sounds des Drumers Guiseppe Mautone - allmählich öffnet sich der Kreis und die Performer bilden eine gerade Linie - ein Uhrzeiger, der sich immer schneller zu bewegen scheint. Ab hier nimmt das Stück seinen ereignisreichen Lauf und lässt bis zum Ende in Tempo und einfallsreichem Tanzvokabular nicht nach.

Im Gegensatz zum geordneten Anfangsbild, kommen die Tänzer in der Mitte des Hofes in Duos oder Viererkombinationen zusammen, sie bilden ein wildes Körperknäuel, ihre Arme bewegen sie flügelgleich, sie winden, räkeln und strecken sich in alle Richtungen - alles wirkt ungelenk und unharmonisch, so als wolle das tänzerische Ich erst noch entdeckt oder befreit werden. Performer und Leiter des FREIraum Ensembles, Arthur Schopa, schaltet die großen Scheinwerfer am Geländer der Brüstung an, während vom 1. Stock eine weiße Tapetenrolle aus dem Fenster gerollt wird - eine kleine Hommage an die Tapetenfabrik Heeder und gleichzeitig Kostüm für das wunderbare Solo von Roja Nadler, die von Kopf bis Fuß mit der Papierrolle umwickelt ist und sich dennoch in ästhetisch präzisen Bewegungen vom Fremdkörper befreit.

Es folgen drei weitere Soli, in denen die Performer ihren eigenen Befreiungskampf führen und ihr tänzerisches Ich zum Ausdruck bringen. Besonders Emily Welther zeigt das leidenschaftliche Spiel zwischen Euphorie und Niedergeschlagenheit, das Ringen mit ihrer Arbeit und ihrem Alltag als Tänzerin.

Arthur Schopa besticht durch Ausgelassenheit, in seinem Tanz sucht er die größte Nähe zum Publikum. Ruben Reniers erzeugt im vierten und letzten Soli eine große Intimität. Gemeinsam findet das Ensemble zu einem poetischen Schlussbild, für das sie Reniers große schwarze Flügel anziehen und mit dem Rücken zum Publikum auf einem Container stehend in den Himmel schauen, bereit für die Zukunft und für nächste gemeinsame Stücke.

Quelle: RP
 
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