| 00.00 Uhr

Krefeld
Das Leben als Überlebenstanz

Krefeld: Das Leben als Überlebenstanz
"The deeper I go" heißt das Debüt-Stück von Katrin Banse und Judith Ouwens, das am Wochenende die Tanz-Reihe "First Steps" in der Fabrik Heeder abschloss. FOTO: Tatjana Jentsch Photography
Krefeld. "First Steps": Katrin Banse und Judith Ouwens schocken mit ihrem ersten Debüt-Stück. Von Isabel Mankas-Fuest

Wie lässt sich durch Tanz eine gesellschaftliche Entwicklung darstellen? Wie lassen sich Körper in Bewegung setzen, so dass Ängste, Unsicherheiten und Not darin zum Ausdruck kommen? "Der Körper", so beschreibt es Judith Ouwens im Anschlussgespräch an die Inszenierung "The deeper I go", "geht an Punkte, die man mit Worten einfach nicht fassen kann." Und dieses Potenzial wissen die Choreographinnen Katrin Banse und Judith Ouwen gut zu nutzen. Sie versetzen die Tänzer in ihrem ersten abendfüllenden Stück in Schüttel- und Schockmomente, die beim bloßen Hinschauen erschaudern lassen.

Die durchtrainierten Körper reden von dem, was nach dem Wegbrechen alter, gesellschaftlicher Sicherheiten kommt, davon, was passiert, wenn die Rente in absehbarer Zukunft nicht mehr für alle reicht und das Eigenheim zum Auslaufmodell wird. Diese Verunsicherungen geben die zuckenden Bewegungen der Tänzer vor. Ohne Pause bewegen sie sich zum Tempo der teils elektronisch, teils analog von Stefan Kirchhoff am Bühnenrand produzierten Beats. Sie zittern, werfen sich auf den Boden und verteilen sich langsam taumelnd auf der dunklen Bühne. Ihre Gesichter sind von exotischen Tiermasken bedeckt, die sie im späteren Verlauf des Stücks abnehmen werden. Die Tänzer kommen immer wieder zusammen und berühren sich. Mal wirkt es so, als gäben sie sich gegenseitig Schutz, im nächsten Moment gehen sie auseinander wie Fremde.

Die Tänzerin Katharina Sim stellt sich auf den Rücken des am Boden liegenden Tänzers Armin Biermann und erhebt ihre Stimme in Richtung Publikum: "Haben Sie da nachgesehen, bevor Sie sich da hingesetzt haben? Was da alles passieren kann. Man weiß nie, was da an der Oberfläche lauert." Jeder im Saal fühlt sich jetzt angesprochen und beginnt sich zu fragen: "Wovor habe ich persönlich Angst? " Es folgt ein starkes Duett zwischen Katharina Sim und Armin Biermann. Sim lässt sich immer wieder fallen, darauf vertrauend, dass Biermann sie immer wieder auffangen wird. Parallel läuft die in sanften Beigetönen gekleidete Tänzerin Jelena Pietjou am Bühnenrand entlang. Sie drängt sich zwischen die beiden, sie zerren an ihr und ihr Körper gerät ins Wanken. Jeder wird hier zum Spielball des anderen - ein starkes Bild. Zunehmend expliziter geht es um Macht und Unterwerfung, um Kontrolle und Haltlosigkeit.

Banse und Ouwens finden während der 50-minütigen Inszenierung zu starken Bildern, in denen sie das Leben als schonungslosen Überlebenskampf zeichnen. Sich im Leben nicht von Ängsten bestimmen lassen und selbst unter prekären Umständen produktiv zu arbeiten - eine Haltung, die Banse und Ouwens in ihrer ersten gemeinsamen Produktion in der Fabrik Heeder eindrucksvoll formuliert haben.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Krefeld: Das Leben als Überlebenstanz


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.