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Krefeld
Das Rätsel vom abgeschlagenen Kopf

Krefeld: Das Rätsel vom abgeschlagenen Kopf
Des Rätsels Lösung: Das Haupt, das auf dem Moltke-Portal zu sehen ist, zeigt eine Büste von Bragi, den germanischen Gott der Beredsamkeit. Das Bild links zeigt eine Darstellung des Gottes von Carl Wahlbom (1810-1858), einem schwedischen Maler und Illustrator. FOTO: RP-Repro
Krefeld. Wir haben die Figuren über dem Portal des Moltke-Gymnasiums vorgestellt, und bei allen lassen sich Dinge sinnvoll der Disziplin zuordnen, die die Figuren verkörpern - nur bei einer nicht: Die Redekunst ist als Frau dargestellt, die einen Kopf in der Hand hält. Bitte was? Ein Ortstermin half, das Rätsel zu lösen. Von Jens Voss

Hier die Allegorien, die klar zu entschlüsseln sind: Die Turnkunst ist ein Mann mit Diskusscheibe; die Philosophie ein Mann in Denkerpose (sehr gut gebaut für einen Mann, dessen Berufung die Denkerpose ist), Musik und Poesie sind als Frau mit Leier und Dichterkranz dargestellt, die Geschichte kommt als Mann mit Schwert daher, die Baukunst trägt als Männerfigur einen Zirkel in der Hand, die Sternenkunde betrachtet als Mann sinnierend eine Kugel in der Hand als Sinnbild für Planeten, und die Naturwissenschaft hat die Hand auf eine Weltkugel gelegt - soweit, so schlüssig.

Die Redekunst ist eine Frauenfigur, die einen Kopf in der Hand hält - so sieht es jedenfalls von unten aus, wenn man vor dem Haupteingang des Moltke-Gymnasiums die Portalfiguren in den Blick nimmt. Frau mit Kopf in der Hand - da denkt man an Judith und Holofernes, also an jene Erzählung im Alten Testament, in der berichtet wird, wie die schöne Witwe Judith dem Feldherrn Holofernes nachts im Schlaf den Kopf abschlägt und so ihre Stadt rettet. Judith gilt als Verkörperung von Mut, Entschlossenheit, Vaterlandsliebe und Schönheit - aber Redekunst? Sie hat, mal platt gesagt, Holofernes nicht bequatscht, sondern bezirzt sowie mit Wein betrunken gemacht.

Der abgeschlagene Kopf entpuppt sich aus der Nähe als Büste; die Frauenfigur hält ihn auch nicht am Schopf fest, sondern stützt sich leicht auf die Büste. Der Mann hat schmale Gesichtszüge und eine üppige, ungezähmte Haarpracht. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

So war klar: Dieses Moltke-Ensemble musste genauer untersucht werden - bei einem Ortstermin mit Moltke-Schulleiter Udo Rademacher, der sich zunächst auch keinen Reim auf die Dame mit Kopf auf seiner Schule machen konnte. Unterlagen dazu gibt es kaum - das einzige, was schriftlich überliefert ist, ist der nackte Hinweis: Das Ganze verkörpert die Dichtkunst.

Und siehe: Die Dame hielt den Kopf keineswegs am Schopf - sie stützte sich leicht darauf. Es war auch kein abgeschlagener Kopf, sondern eine Büste. Dargestellt ist also eine Frau, die neben sich eine Büste stehen hat - als ihr Idol, ihren Bildungskanon sozusagen. In der rechten Hand, die sich leicht auf die Büste stützt, hält sie zwei Stäbe, vermutlich Griffel. In der linken Hand hält sie eine Tafel - Symbol für den Texte schreibenden Redner. Doch welcher Mann mit schmalem Gesicht und einer nur wüst zu nennenden Haartracht kann Gewährsmann für Frau Redekunst sein?

Aus anderer Perspektive wird deutlich: Die Frau hält zwei Stäbe in der Hand, wohl Griffel, und hat die Hand locker auf der Büste liegen. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Antike Gewährsleute fallen aus - ihre Darstellungen sehen einfach anders aus als der Moltke-Mann. Sokrates wird mit Knubbelnase und Halbglatze dargestellt (und steht auch nicht für Redekunst). Aristoteles wird mit gewölbter Stirn gezeigt, die von gepflegt wirkenden Haarspitzen gerahmt ist. Überhaupt sind die Darstellungen der antiken Geistesheroen geprägt durch fein gedrehte, geordnet in die Stirn herabwallende Haarspitzen. Die Nachwelt stellte sich griechische und römische Geistesarbeiter eben ordentlich frisiert vor. Und das ist der Moltke-Mann eindeutig nicht. Des Rätsels Lösung brachte eine Bilder-Recherche: Unter dem Stichwort Redekunst tauchen auch Darstellungen des germanischen Gottes Bragi in Stichen aus dem 19. Jahrhundert auf. Die Ähnlichkeit mit der Moltke-Büste ist frappierend, die Reaktion des Schulleiters eindeutig: "Das isser'." Auch die Germanen hatten also ihren Gott der Redekunst, der in Walhalla die gefallenen Helden begrüßt.

Die Unterschiede in der Darstellung zu antiken Figuren springen allerdings ins Auge: Bragi hat schmale Gesichtszüge, eine ungezähmte Haarpracht, schmale Augen - einen Frisör hat er nie gesehen, und an dieser im 19. Jahrhundert entwickelten Vorstellung orientierte sich der Moltke-Bildhauer. Diese Deutung der Büste passt auch zur Germanentümelei im wilhelminischen Deutschland, das 1915, als das Moltke-Gebäude eingeweiht wurde, gerade dabei war, den I. Weltkrieg zu verlieren.

So sieht die Figur auf dem Moltke-Portal von unten aus - man könnte meinen, die Frau hält den Kopf am Schopf fest. FOTO: Strücken

Jetzt könnte man sagen: Glatte Bildungslücke, diesen Bragi nicht zu kennen. Ja , ist es, und sie sei hiermit geschlossen. Andererseits hat es Gründe, warum Bragi heute kein Bekannter ist. Die Germanen sind ja nicht gerade durch Redseligkeit in die Geschichte eingegangen. Man kennt heute landläufig Odin, Thor, vielleicht Wieland den Schmied - lauter Haudegen.

Immerhin: So ruht auf dem Moltke-Portal die Erinnerung daran, dass Reden auch unter Haudegen nicht schlecht ist.

Quelle: RP
 
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