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Krefeld
Das Seidenweberhaus ist ein historisches Fiasko

Krefeld: Das Seidenweberhaus ist ein historisches Fiasko
Das Seidenweberhaus, von oben betrachtet. FOTO: Lammertz
Krefeld. Das Seidenweberhaus war von Anfang an ungeliebt - in vielen Äußerungen rund um die Eröffnung klang erstaunlich präzise Fundamentalkritik durch. Wir laden zu einer Zeitreise ein. An ihrem Ende steht auch ein Plädoyer gegen den Denkmalwert dieses Gebäudes. Von Jens Voss

Irgendwann fragt man sich, wie das in der Stadt Mies van der Rohes passieren konnte. Hier Purismus der Form - dort Zersplitterung: Aus Vierecken werden Sechsecke, aus Linien Zickzacke, und Bezüge in den Raum werden rücksichtslos gekappt. Die Magie der Bauhaus-Architektur lag immer auch darin, dass sich ein Bau zur Umgebung hin geöffnet hat. Siehe das - von Bauhaus-Ästhetik inspirierte - Bayer-Casino in Uerdingen: Dieses Gebäude schmiegt sich wundersam elegant in die Rheinufer-Landschaft. Bauen ist, wenn es glückt, eben immer auch eine Liebesgeschichte. Und dazu gehören zwei: Der Bau und der Raum, der ihn umgibt.

Das Seidenweberhaus aber ist selbstverliebt. Das Erstaunliche ist: Die Leute damals haben das sofort gespürt. Wer sich zwei Stunden ins - für solche Fälle stets kostbare - Stadtarchiv setzt und Zeitungsartikel aus der Bauphase 1974 bis 1976 liest, ist verblüfft. Die Kritik am Seidenweberhaus war von Anfang an scharf, präzise und umfassend. Merkwürdigerweise scheinen ästhetische Fragen im Vorfeld des Baus kaum eine Rolle gespielt zu haben. Was diskutiert wurde, war vor allem der Standort der neuen Halle.

Chronik des Seidenweberhauses FOTO: Thomas Lammertz

Theater- oder Sprödentalplatz, das war die Frage. Die andere Frage, wie das Haus aussehen sollte, tauchte in der Öffentlichkeit nicht auf. Irgendwann wurde ein Modell präsentiert - wie vom Himmel gefallen: So wird's. Punkt. Als "das Ding", wie Krefelds neue Kongresshalle zunächst genannt wurde, fertig war, schien die ganze Stadt überrascht zu sein. In einem Bericht der RP zur Eröffnung 1976 heißt es: "Nun wandern die Krefelder um das neue Haus herum und fragen sich: Finden wir es schön?"

Sie fanden es nicht schön.

Animationen: Pläne für das Seidenweberhaus FOTO: Animation Architekt Reymann

In einem Leserbrief beschreibt eine Frau 1976 ihre Gefühle: "Das Seidenweberhaus ist ein imposantes Gebäude, ein Irrgarten, wenn man nicht aufpaßt. Die Atmosphäre wirkt auf mich beklemmend, obwohl das Bauwerk weiträumig ist." Ein Mann wird mit präziser Kritik an der Platzgestaltung zitiert: "Die Restaurants sind zu klein. Auf dem Vorplatz fehlt es an genügend Sitzgelegenheiten, sie sind nicht günstig angelegt, da sie von den Hauptverkehrs- und Verlaufsstraßen nicht zu erkennen sind."

Ein anderer Bürger spricht von "moderner, kalter Pracht" und einem "klobigen Bau", der "nicht neben das besondere Theater und schon gar nicht in unsere Seidenstadt passt". Eine Frau kämpft ihre Skepsis nieder und versucht sich in zaghafter Zustimmung: "Zunächst war ich ja etwas entsetzt über den Bau, aber ich glaube, man hat allgemein zu früh geurteilt." Ein Mann bezeichnet einen der Architekten grob als "Klotzbaumeister". Eine Schülerin schreibt klug und wach: "Wozu diese treppenförmige Bauart? Hoffentlich stürzt da keiner hinunter."

Gerade dieses Wort aus Schülermund ist alles andere als niedlich, sondern sehr aufschlussreich. Zum einen traf das Gebäude offensichtlich nicht das Lebensgefühl der Jugend. Das Seidenweberhaus löste bei Jüngeren keine Avantgarde-Begeisterung aus. Da war nur Ratlosigkeit über die Form.

Zum anderen wies das Mädchen auf eine Gefahr für unklare Formen hin: All die schwer durchschaubaren Unterstände fanden plötzlich einen nicht beabsichtigten Zweck: Das Haus wurde zur Deckung für Obdachlose, Trinker und Junkies. Merke: Nur wer über die Form Zwecke definiert, verhindert ihre Zweckentfremdung. Beim Seidenweberhaus ist das nicht gelungen.

Die Frage nach der Funktionalität, die jenes Mädchen aufgeworfen hat, findet in ein paar grotesken Pannen ihre Fortsetzung. Kurz vor dem Richtfest ploppte im März 1974 die Debatte hoch, dass das neue Haus ja nur Sitzplätze an Tischen für 784 Personen bietet - was als zu knapp empfunden wurde. Der zuständige Oberbaudirektor fragte damals entnervt: "Was sollen diese Diskussionen vor dem Richtfest?" Stimmt ja, nur hätte man sie eben vorher führen müssen.

Skurril auch dies: Im Juli '74 fiel auf, dass man wohl vergessen hatte, Büroräume für die künftige Geschäftsführung einzuplanen; so musste man improvisieren und der VHS Raum wegnehmen. Ein "Schild-Bürgerhausstreich", spottete die WZ in einem Kommentar.

Wie gnadenlos die Kritik an dem Gebäude war, zeigt auch ein Namenswettbewerb aus dem Jahr 1974, bei dem etliche Bürger gallige Spottnamen einreichten - von "Idiotenhügel" über "Schandfleck" bis "Termitenbau".

Zur Eröffnung 1976 war die Bürgerschaft tief zerstritten. So richtig euphorische Äußerungen über den Bau sind nicht zu finden. Was überwog, war Ablehnung, ja Entsetzen, bestenfalls durchmischt mit der Hoffnung, dass man das neue Haus irgendwann vielleicht doch mögen könnte. Das Grundgefühl aber war: Das "Ding" ist zu teuer, zu klobig, zu groß.

Die Stadt hat dieses fatale Stimmungsbild ironisch zu brechen versucht. Zur Eröffnung 1976 hat sie gleich zwei Plakate entworfen. In dem RP-Bericht heißt es dazu: "Die Stadtverwaltung hat den Zwiespalt in der Volksmeinung entdeckt und schlägt daraus werbendes Kapital. Die Eröffnung wird mit zwei Plakaten verkündet. Auf dem einen sieht man die lächelnden Krefelder die Eröffnung ihres Seidenweberhauses erwarten. Auf dem anderen konstatieren die mürrischen trocken: Der Betonklotz wird eröffnet." Was augenzwinkernd daherkam, war eine Marketing-Katastrophe: Krefeld hat damals die sich selbst negierende Werbung erfunden. Das Modell, so darf man sarkastisch ergänzen, hat sich nicht durchgesetzt.

Entscheidend ist: Dabei blieb es. Es gab keine späte Versöhnung mit der Architektur; es gab allenfalls schöne Erinnerungen an Veranstaltungen. Bereits 20 Jahre nach der Eröffnung wurde das Haus als ein Stück ferne Vergangenheit empfunden. Die WZ schrieb 1996 in einem Rückblick: "Die Architektur entsprach dem Zeitgeist der 70er Jahre." Dieser Satz ist eine epochale Abrechnung: Die Architektur hatte nichts Gegenwärtiges mehr.

Dieses Gefühl findet sich bis heute weder in Sätzen über die viel älteren Mies-Bauten noch über das ebenfalls deutlich ältere Stadthaus eines Egon Eiermann. Sein Verwaltungsbau zum Beispiel atmet heute noch Modernität. Die Verzweiflung an diesem Gebäude ist technisch definiert: Es ist verrottet, ein energetischer Alptraum. Ästhetisch aber wirkt es ungebrochen frisch.

Im Jahr 2000 fand schließlich der erste Workshop über die Zukunft des Theaterplatzes statt. Er diente dazu, Ideen für die städtebauliche Entwicklung des Areals zu generieren. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Nur 24 Jahre nach der Eröffnung des Seidenweberhauses fühlte die Stadt die Notwendigkeit, den Theaterplatz ganz neu zu erschließen. Das Seidenweberhaus war endgültig zur Altlast geworden.

Diese Grundstimmung herrschte wohl auch 2003, als der damalige Redaktionsleiter der RP, Jörg Basfeld, schrieb: "Über dem Seidenweberhaus senkt sich der Daumen. Ohne erkennbaren Widerspruch und ohne erkennbaren Widerwillen hat der Unterausschuss Theaterplatz die letzen beiden Entwürfe am Wettbewerb zur Platzumgestaltung gesichtet, und beide kamen zu dem Schluss: Das in die Jahre geratene Seidenweberhaus muss weg." Die Notiz über den Mangel an Widerwillen ist feinsinnig: 2003, als das erste Todesurteil über das Seidenweberhaus gesprochen wurde, weinte ihm niemand eine Träne nach.

Quelle: RP
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