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Krefeld
Das Turm-Drama der Alten Kirche

Krefeld: Das Turm-Drama der Alten Kirche
Links der prachtvolle gotische Turm der Alten Kirche aus dem Jahr 1472, unten der gleiche Turm nach dem Krieg: Die Turmspitze fehlte. Am 12. April 1951 brach plötzlich ein Stück aus dem Turm weg; zwei Tage später stürzte der Turm komplett zusammen. FOTO: unten: Stadtarchiv links: Gemeinde
Krefeld. Völlig überraschend brach sechs Jahre nach Kriegsende ein großes Stück aus dem Turm der Alten Kirche heraus - obwohl die Kirche 1949 baulich gesichert worden war. Eine Erinnerung zum Jubiläum "850 Jahre Alte Kirche". Von Jens Voss

Es ist ein Jammer. Zu den Schätzen, die Krefeld im Zweiten Weltkrieg verloren hat, gehört auch der Turm der Alten Kirche, der ebenso prächtig wie wertvoll war. Er ging auf das Jahr 1472 zurück. Wunderbarerweise hatte er den Krieg überstanden, und so taten die Zeitgenossen alles, um ihn zu bewahren: Sie sicherten ihn baulich, alles schien gut für den Wiederaufbau der Kirche. 1951 dann passierte, womit niemand gerechnet hat: Aus dem Turm brach ein Stück heraus - er sah danach aus, als hätte ein Riese glatt einmal hineingebissen. Danach ging alles zu schnell für eine neuerliche Rettung.

Vom übrigen Kirchengebäude waren nur Reste von Außenmauern stehengeblieben. Es gibt anrührende Fotos von einem Gottesdienst in der Ruine. Gemeinde und Bürgerschaft waren nach Kriegsende entschlossen, den Turm zu retten: 1949 wurden zwei Stahlbetondecken und Stahlgerüste zur Befestigung des Glockenstuhls in den Baukörper eingezogen. "Der Bestand des Turmes durfte als zweifellos ungefährdet betrachtet werden", resümiert der damalige Städtische Oberbaurat Volger in einer kleinen Festschrift, die 1952 anlässlich der Wiedereinweihung der neu aufgebauten Alten Kirche entstand.

FOTO: Stadtarchiv

Der Turm war das erste Wahrzeichen Krefelds: Auf einem Stich aus der Zeit um 1860 ist die Silhouette der Stadt von drei Gebäuden gekrönt: dem markanten Turm der Alten Kirche, der Kuppel der - von den Nazis zerstörten - Synagoge und dem ersten Turm der Dionysiuskirche. Am 12. April 1951 geschah das Unfassbare: Die nordöstliche Ecke des Turms stürzte ab. "Es bestand hohe Gefahr", berichtet Oberbaurat Volger, der am späten Abend von dem Vorfall erfuhr. Am nächsten Morgen gab es eine Krisensitzung, bei der schnell klar war, dass Arbeiten am Turm sehr riskant werden würden. Durfte man Arbeiter gefährden und sie "zur Anbringung von Sicherungen in den gefährdeten Turm schicken"? Die Antwort lautete "nein". Auch dies war klar: Die Rettung würde aufwendig werden - "ungewöhnlich hohe Kosten hätten in Kauf genommen werden müssen", so Volger weiter.

Zudem lief allen die Zeit davon. Schon im Laufe des 13. April - es war wie zum Hohn ein Freitag - wurden feine Risse im Südostpfeiler des Turms gemeldet; wer sich die Fotografie anschaut, begreift sofort, wie prekär die statische Lage des Turms war.

Die Risse waren Vorboten weiteren Unheils: Am nächsten Tag waren sie stark erweitert. "Damit war klar, dass der Turm nicht zu retten war", resümiert Volger in seinem Bericht. Er sollte Recht behalten: Am Samstag, den 14. April, 13.30 Uhr, brach der Turm zusammen.

Der Einsturz war auch eine Krise des Wiederaufbaus, wie der Städtische Baurat Jansen in seinem Festschrift-Beitrag von 1952 rückblickend berichtet: "Sollte jetzt noch der Wiederaufbau fortgesetzt werden, nachdem der schöne Turm als das alte Wahrzeichen Krefelds nicht mehr vorhanden war?" Die Antwort der Bürgerschaft war eindeutig: "Es ist im höchsten Maße denkwürdig und erfreulich, daß in dieser schweren Stunde weiteste Kreise der Bevölkerung sich zusammenfanden in dem Wunsche, das begonnene Werk trotz des schweren Schicksalsschlages zum Guten weiterzuführen." So wurde weitergebaut, und am 14. Dezember 1952 konnte die Wiedereinweihung der Alten Kirche gefeiert werden - noch ohne einen neuen Turm. Der kam erst 1965 dazu.

Der Wille zum Wiederaufbau hat zwei Gründe: Zum einen ist die Alte Kirche wie die weitgehend verschont gebliebene Dionysiuskirche in der vom Krieg gezeichneten Stadt zum Symbol für den Wiederaufbau und der Neuorientierung nach den Verbrechen der Nazi-Zeit geworden. Zum anderen spiegelte gerade die Alte Kirche mit dem Turm, der aus ferner Vergangenheit in die Gegenwart ragte, Krefelder Geschichte wider.

Die Kirche markiert den ältesten Ort eines christlichen Gotteshauses in der Stadt: Die erste Kapelle wird 1166 erwähnt und wurde noch mit römischem Material erbaut. Um 1300 erfolgte der Neubau einer größeren gotischen Kirche, die im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts durch eine neue, größere ersetzt wurde - 1472 entstand der Turm, dessen Geschichte 1951 endete. Die spätgotische Kirche wurde um 1840 abgebrochen und durch eine Kirche nach neuem Geschmack ersetzt - nur der alte Turm blieb stehen. Dieser 1842 vollendete Neubau war es, der im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde - und wieder war es der Turm, der stehenblieb. Die Alte Kirche spiegelt auch die religiöse Geschichte Krefelds wider. Graf Hermann von Moers führte 1560 das protestantische Augsburger Bekenntnis in Krefeld ein; seit 1565 ist Krefeld rein evangelisch. Wer zur alten Lehre hielt, konnte die Klosterkirche besuchen. 1586 eroberten die Spanier die Grafschaft Moers und erzwangen in Krefeld ein katholisches Intermezzo. 1597 eroberte Moritz von Oranien die Grafschaft zurück, 1602 wurde in Krefeld der evangelische Gottesdienst wiederhergestellt. Nach einem weiteren spanischen Zwischenspiel wurde die Alte Kirche 1607 endgültig evangelisch. Und so resümiert Max Barkhausen 1952 in der Festschrift zur Historie der Alten Kirche: "In der Alten Kirche stehen wir auf geschichtlichem Boden, hier ist die Keimzelle der Stadt. Es ist das einzige Bauwerk, das uns mit dem Mittelalter verbindet, aber auch mit den Kämpfen und Leiden der folgenden Zeit, die dann doch die neuzeitliche Blüte der Stadt herausgeführt hat."

Quelle: RP
 
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